Die Sache hat einen blauen Haken

Warum ziehen wir WhatsApp-Flirts manchmal ewig hin, auch wenn sie sich zäh und einseitig gestalten, fragt sich Gast-Autorin Friederike Schön

Nein, früher war sicher nicht alles einfacher. Die Währungen haben sich verändert und man muss lernen, sie richtig einzusetzen, den Handel zu beherrschen. Auch in der Liebe, und darum geht es hier schließlich. Auf die Gefahr hin, dass die Romantiker jetzt gleich aufheulen oder einen Shitstorm lostreten – es kann helfen, das Ganze einmal gedanklich durchzuspielen. Gerade in der Kennenlernphase braucht es den Tauschhandel, damit die Sache in Gang kommt. Überspringen wir die Zeiten des Kamelhandels und der Mitgift und starten gleich in der Moderne und ihrer Gleichberechtigung. Woher weiß man, ob es dem anderen ernst ist oder zumindet, ob er zunächst mal an mehr Interesse hat als nur an einem vergnüglichen Abend?

Es gab mal den Liebesbrief. Ihr erinnert euch? Handgeschrieben, wachsversiegelt. Dickes Büttenpapier, an den Rändern leicht ausgefranzt. Leicht parfümiert. Die Briefmarke (nein!), kein Zufall. Sie zeigte das Schloss von Versaille? Ui, da schwelgte aber jemand in Fantasien von einem Paris-Trip: kleines Hotelzimmer, lange Spaziergänge über die Pont Neuf oder die Pont des Arts. Und so weiter. Mir hat einmal jemand eine Sonnenblume in den Briefkastenschlitz gesteckt (was ich bezaubernd fand, leider hat dieser jemand erst Jahre später seine Identität gelüftet, aus Schüchternheit, woran man sehen kann, dass früher längst nicht alles besser war – oder einfacher). Blumen, ja, auch so schön altmodisch. So eine Baccara-Rose HATTE eine Message. Mit diesen Währungen hat man gezahlt, seinen Vertrauensvorschuss, das Versprechen für mehr. Nein, niemand sollte gekauft werden, aber diese Gesten sollten so etwas liefern wie einen handfesten Beweis. Und heute?

Eine der Währungen trägt zwei graue Haken. Ich habe dir geschrieben. „Es war so schön gestern Abend. Deine Wohnung ist toll, tut mir leid, dass ich bei „Carol“ geweint habe. Ich liebe Cate Blanchett nun mal. Hoffentlich bis bald.“ Die neue Währung birgt eine Form der Kontrolle mit Tücken: Ist da nur ein Haken, hat der andere die Nachricht gar nicht empfangen. Akku leer, Handy vergessen?

Die Sache mit den Haken hat einen gewaltigen Haken. Sind sie blau (von grau zu blau gewechselt, jetzt paarweise!), schlägt das Herz des Schreibers schon etwas schneller. Ab jetzt zählt jede Minute. Er (oder sie) hat sie gelesen. Die Nachricht. Die einem so langsam immer peinlicher wird. Solange keine Antwort kommt – obwohl man ja sicher weiß, dass das Gegenüber offenbar die Zeit fand, das Handy in die Hand zu nehmen, den Entsperr-Code einzutippen, Whatsapp zu aktivieren und die Worte zu lesen – liest man sie selbst immer wieder durch. Und zermartert sich: Wieso immer noch keine Antwort? Da, er war online, aber nicht mit mir.

Er hat geschrieeeeben! Warum warten wir so oft und häufig viel zu lange, saugen wie an einem dünnen Strohhalm jedes noch so lieblos in den virtuellen Raum zwischen uns hingeworfene Wort auf, in der Hoffnung, dass es eine plausible Erklärung gibt für die viel zu lange Funkstille? Vielleicht, weil wir mit den neuen Währungen der Liebe noch unsicherer sind, als wir glauben. Wir bedienen sie mechanisch, aber wir lassen uns von ihnen manipulieren. Auch wenn der Bauch sagt, 24 Stunden warten und eine knappe Antwort – und das in Wiederholungschleife – geben keinen Grund zur Hoffnung auf ein Happy End, nehmen wir das einfach nicht surren wollende Handy mit ins Bett, mit unter die Dusche (sind ja jetzt auch wasserdicht!), zucken bei jedem Piepsen zusammen. Starren auf die blauen Haken und das Feld, das leer bleibt. Oder kryptische Zeichen enthält (Smiley! Ja gern bald mal wieder sehen!!).

Die Sache ist die: Vielleicht sind wir wirklich noch nicht so weit. Seien wir nachsichtig mit uns selbst. Üben wir uns in einem klaren, unvernebelten oder von einem blinkenden, handgroßen Bildschirm befreiten Blick: Wenn Facebook, Snapchat und Instagram zeigen, dass der andere weder krank ist noch eine digitale Abstinenz eingelegt hat und über Tage nur spärlich antwortet, dann gibt es keine plausible Erklärung zu unseren Gunsten. Vor allem nicht die, nach der man sich sehnt. Eigentlich wissen wir es doch besser. Nutzen wir das Rückgaberecht: Löschen.


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