Als meine beste Freundin für mich tinderte

Immer Pech beim Tindern: Meine beste Freundin Sarah geht für mich auf Online-Partnersuche. Ob sie es schafft, mein Beuteschema zu durchbrechen?

Meiner (vergebenen) Freundin Sarah dabei zuzusehen, wie sie mit leuchtenden Augen und einem leicht wahnsinnigen Blick vor meinem Handy hockt, ist einfach toll. Wie ein kleines Kind an Weihnachten sitzt sie auf der Couch und freut sich, dass sie – vergeben seit sechs Jahren – auch mal Tindern darf. Zwischendurch kommen die herrlichsten Laute aus ihrem Mund. Von einem verzückten „Uuuuh“ bis zu einem abgestoßenen „Urrgh“ und einem „Was stimmt denn nicht mit den Leuten?“ Ich muss lachen und überlege, welche Art Tinder-Mann sie wohl gerade vor der Linse hatte. Typ Selfie im Badezimmer-Spiegel? Typ Mann mit Fisch im Arm? Oder gar einen mit Gewehr? Aber ich liege falsch. „Wieso stellt man denn so ein Poser-Foto aus dem Fitnessstudio auf Tinder? Meine Güte, ist das peinlich …“ Willkommen auf Tinder.

Das Experiment

Heute soll es aber um mehr als die Befriedigung von Voyeurismus gehen – und zwar um mein Beuteschema. Offensichtlich suche ich mir immer die gleichen Männer aus. Groß, bärtig, freiheitsliebend, bindungsunfähig. Männer, die auf gar keinen Fall etwas Festes wollen. Daran ist ja an sich auch nichts auszusetzen, denn bis vor Kurzem wollte ich auch lieber mein eigenes Ding durchziehen und zwischendurch eine gute Zeit haben.

Doch damit soll jetzt Schluss sein, ich habe mal wieder Lust, mich nach allen Regeln der Kunst zu verlieben – aber wie wir ja alle wissen, ist das alles andere als einfach. Meine Freundin Sarah ist allerdings Profi auf dem Pärchen-Gebiet, denn sie ist seit ihrem 15. Lebensjahr eigentlich fast immer in festen Beziehungen mit tollen Männern gewesen. Allesamt absolute Glücksgriffe. Super Typen, mit ganz viel Herz und Hirn. So einen möchte ich auch.

Die Regeln

„Gibt es irgendwas, das du absolut ausschließt?“, möchte Sarah vorher von mir wissen. Hm. Gar nicht so einfach, schließlich möchte ich mein Beuteschema ja durchbrechen. Ich beschränke mich darum erstmal nur auf einen Faktor: „Gerne größer als ich.“ Selbst wenn es nur ein halber Zentimeter ist. „Und weiter?“, fragt Sarah. Ähm, ja. Normalerweise würde ich jetzt noch ein paar Charaktereigenschaften hinzufügen. Lustig und klug sollte er sein, gerne selbstbewusst, aber bitte ohne Macker-Attitüde. Und ich mag sarkastische Menschen, die sich für Politik und Fußball interessieren. Aber tja: Das alles sieht man bei Tinder ja leider nicht, höchstens in Form wirrer Emoji-Kombinationen und klischeehafter Selbstbeschreibungen, bei denen man sofort weiß, dass eigentlich das Gegenteil der Wahrheit entspricht. Ich bleibe also bei meiner einen Voraussetzung, der Körpergröße.

Analyse statt Spontanität

Meine Freundin Sarah verbringt über eine Stunde mit meinem Smartphone in der Hand. Im Gegensatz zu mir wischt sie allerdings nicht im Sekundentakt nach links oder rechts, sondern studiert fast jeden Mann ausführlich. Gut, außer die mit den Waffen, Fischen, Luxuskarossen, Fitnessstudios und anderen peinlichen Profilfotos der Sorte „Nein, danke.“ Als ich Sarah nach ihren Auswahlkriterien frage, schaut sie mich nachdenklich an. „Ich gebe zu, das ist gar nicht so einfach. Ich schätze, ich gehe nach Sympathie. Wenn ich mir vorstellen kann, mit euch zusammen einen Abend am Tresen zu sitzen, dann bekommt er schon mal einen Pluspunkt. Wenn er dann auch noch ein paar coole Sätze zu sich selbst geschrieben hat, bekommt er noch einen. Und wenn er dann auch noch optisch ein bisschen was hermacht, dann ist die Entscheidung gefallen.“ Wow, an dieser analytischen Herangehensweise sieht man, dass Sarah an der Uni arbeitet, während ich mich fast immer nur von meinem Bauchgefühl leiten lasse.

Die Matches

Nach knapp 90 Minuten hat Sarah die Nase voll vom Tinder-Universum und zeigt mir ihre Ausbeute. Sechs Männer hat sie mir „ausgesucht“. Und das Ergebnis ist tatsächlich überraschend, denn: Wir scheinen exakt das gleiche Beuteschema zu haben. Große Männer mit Vollbart, mit Bulli- und Konzert-Fotos, und fast alle leben offenbar im gleichen Stadtteil wie wir. Komisch, ich hatte irgendwie damit gerechnet, dass sie mir Männer vorsetzt, die solide, seriös und familienfreundlich sind. „Das ist ja Quatsch“, sagt Sarah. „Ich kenn dich doch. So ein Mann ist zwar super, aber überhaupt nichts für dich. In den würdest du dich doch im Leben nicht verlieben. Du brauchst jemanden, der ähnlich tickt, der in deinen Freundeskreis passt, der die gleichen Dinge liebt. Nur dann könnt ihr echte Komplizen werden. Anziehungskraft ist ja super, aber wenn der Rest nicht stimmt, bringt dich das beim Verlieben auch nicht weiter.“

Aber:

„Es lohnt sich, diese Profil-Texte zu studieren“, sagt Sarah. „Überraschend viele Männer schreiben dort genau rein, was sie suchen. Und was sie bereit sind zu geben. Auch wenn es manchmal nur Floskeln à la „Suche Frau fürs Leben“ sind. Aber am Ende sind das die Typen, die auch Bock haben, sich zu verlieben. Und die musst du nach rechts wischen und anschreiben. Tja, und die anderen lässt du einfach links liegen. Auch wenn sie ein hübsches Gesicht haben.“

Die weisen Worte einer Tinder-Jungfrau.


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