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Wie man glücklich lebt mit einem Hochsensiblen

Hochsensible Partner sind oft feinfühliger, sensibler und verschlossener als andere Menschen. Kirsten Schwieger kennt die Verhaltensweisen, die man für eine Beziehung mit einem Hochsensiblen draufhaben sollte

Am Anfang unserer Beziehung dachte ich, die Rollen sind irgendwie vertauscht. Ich nicht gerade zimperlich in Sachen Kommunikation und Tagespensum, gerne auch mal verbal am Austeilen – er eher zartbesaitet und mehr als hellhörig was Zwischentöne und nonverbale Kommunikation anging. „Was für eine Diva“ dachte ich manchmal. Wieso muss er jedes Wort auf die Waagschale legen, sich Zuhause einigeln – und schon wieder ein Nickerchen, direkt nach dem Frühstück?

Oft unterschätzt: Hochsensibilität, Überempfindlichkeit, Hypersensibilität

Heute weiß ich: Er ist hochsensibel (wie gut 20% aller Menschen weltweit). Und ich im Umgang mit ihm der Elefant im Porzellanladen. Hochsensible können sehr feinfühlig auf Geräusche, Gerüche, Licht und sogar Berührungen reagieren. Sie sind viel schneller überstimuliert von Lärm, gleichzeitigen Geräuschquellen, zuckendem Licht oder manchmal auch nur tobende Kinder. Und sie sind sehr sensibel, können Gedanken und Gefühle lesen nur durch einen Blick ins Gesicht. Oftmals geht Hochsensibilität auch einher mit Introvertiertheit. Manchmal sogar auch mit obsessivem Verhalten.

20 Prozent aller Menschen weltweit sind hochsensibel

Also viel Potential für Meinungsverschiedenheiten, Missverständnisse und andere Holpersteine auf dem Weg zu einer erfüllenden Partnerschaft. Aber erst als mir bewusst wurde, dass ich mit einem Hochsensiblen zusammen bin, ist mir klar geworden, wie viele Streitigkeiten, emotionale Grenzüberschreitungen und Missverständnisse hätten vermieden werden können, hätte ich folgende Verhaltensweise früher an den Tag gelegt.

Achtsamkeit & Zuhören

Achtsam sein, Signale und Zwischentöne bemerken und vielleicht sogar noch richtig deuten – das wäre schon mal ein guter Anfang gewesen. Was ganz einfach klingt, ist aber eigentlich schon die Königsdisziplin: gut Zuhören! Wie erlebt mein Partner die Welt, unsere Beziehung, mein Verhalten? Wonach sehnt er sich, welche Bedürfnisse hat er, was verletzt ihn? Und vor allem: Wann wird ihm was zu viel, wo sind seine Grenzen erreicht? Aufmerksames Zuhören ist Voraussetzung für eine glückliche Beziehung, und absolute Notwendigkeit für das Zusammenleben mit einem hochsensiblen Menschen.

Verständnis & Austausch

Sich in den Partner hinein zu versetzen und zu begreifen, dass er die Welt wahrscheinlich komplett anders wahrnimmt als man selbst, ist dann im Prinzip der nächste Schritt. Verstehen, dass ihn vielleicht schon selbstverständliche Kleinigkeiten total erschöpfen können. Dass die harmlos geäußerte Bemerkung in seinen Ohren schon mehr als verletzend klingt. Und vor allem, nicht gleich alles bewerten. Oder das Verhalten des Partners auf sich beziehen. Dessen Bedürfnis nach Rückzug kann auf nicht Hochsensible manchmal wie eine Zurückweisung oder Gleichgültigkeit wirken. Indem man sich miteinander austauscht, kann Verständnis füreinander entwickelt werden.

Akzeptanz & Selbstverantwortung

Das Verhalten des Partners zu verstehen ist eine Sache, es zu Akzeptieren dann die nächste. Anstatt darauf zu hoffen, dass er sich irgendwann ändert. Denn das kann er nicht. Außerdem handelt er ja auch nicht aus Böswilligkeit, sondern aufgrund seiner Bedürfnisse und Begrenzungen. Problem bei der Sache ist: Auch der nicht Hochsensible hat Bedürfnisse und Grenzen. Das Zauberwort hier heißt: Kompromiss. Und Selbstverantwortung. Denn damit Kompromisse möglich sind, müssen beide Partner die Verantwortung für sich und ihr eigenes Wohlergehen übernehmen. Jeder muss dafür sorgen, dass seine Grenzen gewahrt bleiben und seine Bedürfnisse sich erfüllen können. Willkommen im Fortgeschrittenenkurs „funktionierende Beziehung“ (denn das gilt nicht nur für Hochsensible)! Dazu gehört auch, die Macken des anderen zu tolerieren – auch wenn sie die Beziehung beeinflussen.

Geduld & Großzügigkeit

Und sollte man noch so verärgert, genervt oder irritiert sein: Geduld erwirkt dann wahre Wunder. Sich in solch emotional aufgeladenen Situationen in Erinnerung rufen, dass und warum man den anderen liebt, beziehungsweise was alles an ihm, kann ebenfalls sehr heilsam sein. „If you love somebody set them free“! Gut, dann also erst mal eine Ruhepause, Diskussion vertagt. Und sollte man den Partner verletzt haben, bricht einem ein „Sorry, war wirklich nicht meine Absicht“ auch keinen Zacken aus der Krone. Selbst wenn man die Ursache für die Verletzung gar nicht nachvollziehen kann.

Drei absolute Don´ts in einer Beziehung mit einem Hochsensiblen

Nicht hetzen, nicht drängeln!

Hochsensible leben in reichen inneren Welten mit Unmengen herumschwirrender Gedanken. Kann gut sein, dass sie für eine Antwort oder Entscheidung eben etwas länger brauchen.

Nicht streiten!

Niemals deren Sichtweise anzweifeln, auch wenn man sie nicht teilt. Akzeptieren, dass es so ist, und dann Durchatmen. Über unterschiedliche Auffassungen kann man doch ganz ruhig reden. Jeder Streit ist eine Grenzübertretung und eine Kerbe im Baum der Beziehung.

Nicht stigmatisieren!

Zum Problem wird Hochsensibilität eigentlich erst dann, wenn sie zum „Etikett“ gemacht wird. Sprich, als Entschuldigung („Bin halt hochsensibel“) für alles herhalten muss oder als Erklärung für sämtliche Verhaltensweisen gar nicht mehr ernst genommen wird  („Ja klar, Du bist ja hochsensibel.“)

Die Welt wäre vielleicht lebenswerter mit mehr Hochsensiblen

Eine Beziehung mit einem Hochsensiblen stellt einen vielleicht vor Herausforderungen, dafür kann sie aber auch überaus bereichern. Beispielsweise wenn man dadurch lernt, Momente intensiver zu erleben, Kleinigkeiten zu schätzen oder einfach dankbar zu sein für vermeintlich Selbstverständliches. Wenn man überlegter handelt, rücksichtsvoller mit seiner Umgebung und fürsorglicher mit seinem Partner umgeht.

Vielleicht wäre die Welt sogar ein klein wenig lebenswerter, wären mehr als nur 20 Prozent ihrer Bewohner hochsensibel. Weil dann vielleicht weniger Menschen darin, und in ihren Beziehungen, herumtrampeln würden wie Elefanten im Porzellanladen.

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Über den Autor/die Autorin

Kirsten Schwieger

Kirsten Schwieger ist freiberufliche Journalistin und findet, dass auch Mutterliebe die Hormone ganz schön zum Tanzen bringt.