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Sorgen teilen, stärker werden

Warum es wichtig ist, die eigenen Ängste und Geister beim Namen zu nennen – gerade denen gegenüber, die uns die Nächsten sind

Meine Mutter gab mir vor einigen Jahren aus gegebenem Anlass einmal den Spruch mit auf den Weg, vor Gericht und auf hoher See sei man ganz allein. Korrekt müsste es eigentlich heißen, man sei „in Gottes Hand“, aber da ich nicht getauft bin, hielt sie diese Variation für geeigneter. Die Sache mit dem Gericht konnte ich mir konkret vorstellen, die hohe See wandelte ich in Gedanken ein wenig ab und ergänzte sie um die tiefe Nacht. Auf der Buchablage neben meinem Bett stand nämlich lange eine Karte mit einem Zitat von Rilke, das da lautet: „Und in den Nächten fällt die schwere Erde aus allen Sternen in die Einsamkeit.“

Die ‚schwere Erde‘ war für mich der Inbegriff aller Sorgen und Ängste, die mich nicht schlafen ließen. Die leise auf mich hinuntersanken, sich rechts und links neben meiner Stirn in die Kissen gruben und mein Bett zur hohen See des Haderns machten. Die Einsamkeit, von der Rilke da sprach, ich konnte sie fühlen: um meine Brust gewickelt, in mein Herz gestanzt. Obwohl ich ein kleines Heer wohlgesonnener Menschen um mich wusste; Freunde, Eltern und sogar einen liebenden Partner, wusste ich nicht, was zu teilen möglich und vor allem zumutbar war.

Wer würde mich verstehen? Wem würde es zuviel werden? Würden sie sich abwenden von den seltsamen Gedanken und irrealen Ängsten, die ich ihnen auf dem Tablett hinüberreichte?

Was ich damals unterschätzte, war die Tatsache, dass diese lieben Menschen um mich herum durchaus ahnten, dass das wohl gehütete Bild meines ‚heilen Egos‘ eine löchrige Tarnkappe für die Sorgen war, die sich nicht nur nachts in meine Stirn brannten. Und dass es sie wohl auch verletzen musste, wenn ich des schönen Schein wegens so tat, als sei alles in guter Ordnung.

Was ich ebenfalls zur Seite schob, war die Logik der sich selbst erfüllenden Prophezeiung: dass das stillschweigende Vergraben in den eigenen Sorgen das Gefühl der Einsamkeit nicht mindert, sondern steigert. Denn wer kannte mich schon wirklich? Wer wusste denn von all den Dingen, wegen derer ich bangte und für die ich mich zum Teil sogar verurteilte? Dinge, die ich getan und gesagt, oder eben wider besseren Wissens nicht getan und gesagt hatte.

Und so kam es zu dem einen Abend, an dem ich meinem Partner offenbarte, wie isoliert ich mich oft auch in Gesellschaft fühlte. Wie aufgerieben mein Selbst in der ständigen Wiederkehr nächtlicher Sorgenschleifen inzwischen war. An diesem Abend sagte mir mein geliebtes Gegenüber, dass ich selbst diejenige war, die diesen Zustand nährte. Denn jeder von uns hat seine Sorgen, seine Ängste. Jeder weiss, dass eine zergrübelte Stunde in der Nacht so lang sein kann wie ein ganzer Tag. Er machte mir begreiflich, dass es notwendig sei, auch über das zu sprechen, was ich an mir selbst als fehlerhaft und nicht liebenswert empfand. Nur dann ist wahre Nähe möglich, nur dann kann der andere tatsächlich erkennen, mit wem er es zu tun hat und begreifen, worauf ein bestimmtes Verhalten schließen lässt.

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Über den Autor/die Autorin

Julia Malz

Julia Malz zog es 2001 aus dem Rheinland an die Elbe. Im neuen Heimathafen Hamburg schreibt sie seit 2009 als freie Journalistin und Autorin für Kunst-, Kultur- und Wirtschaftsformate. Die Inspiration für ihre Texte zieht sie aus der Literatur, dem schönen Leben und natürlich dem Wunder, das wir Liebe nennen.