Schluss mit dem Zwang zum Perfektionismus!

Junge Frauen, befreit euch von Erwartungsdruck und Perfektionswahn! Das fordert die britische Psychologin und Bestseller-Autorin Dr. Linda Papadopoulos in ihrem neuen Buch “Es ist mein Leben!” Ein Auszug

»Junge Frauen müssen alles erreichen, was ihre Großmütter sich für sie erhofften, und dabei so hübsch aussehen, wie ihre Mütter es sich immer gewünscht haben … Sie geben sich alle Mühe, die Frau zu sein, die andere in ihnen sehen wollen, und gleichzeitig ihre Individualität zu bewahren – und am Ende geht alles den Bach runter.«
Debora L. Spar, Präsidentin des Barnard College, Columbia University, New York City

Mühelos zum Erfolg?

Uns ist nicht nur bewusst, was Schönheit ist, sondern wir haben auch klare Vorstellungen von Glück und Erfolg. Und das sieht alles so mühelos aus. All die Frauen, die den Spagat zwischen Beruf und Familie meistern – kein Problem. Das Supermodel, das Bilder twittert, wie es sich Big Macs in den Mund schiebt und trotzdem eine Wespentaille bewahrt – kein Problem. Die Internetpionierin, die ihre Geschäftsidee auf einen Bierdeckel kritzelt und ein Jahr später ein Multimillionen-Dollar-Unternehmen verscherbelt – kein Problem.

Wir werden mit derart vielen märchenhaften Erfolgsgeschichten bombardiert, dass diese irgendwann zur neuen Norm und offenbar auch von uns erwartet werden. Und die Tatsache, dass die Gesellschaft gern alles auf knackige Sprüche reduziert (du hast es dir eben genug gewünscht = Erfolg), hilft da auch nicht weiter. Daher übersehen wir leicht die harte Arbeit, die Probeläufe, die Opfer und die Fehlschläge erfolgreicher Menschen.

Unsere Vorstellung von Erfolg hängt schief

Wir wollen nicht wahrhaben, dass auf jede Erfolgsgeschichte Millionen Menschen kommen, deren Autobiographie niemanden interessiert, und kommen zu der Überzeugung, dass alle außer uns ihr Leben »optimal ausschöpfen« und »etwas aus sich machen«.

Unsere Vorstellung von Erfolg hängt schief, sowohl in Bezug auf die Definition als auch in Bezug darauf, wie Erfolg zu erreichen ist. In unserer Vorstellung ist eine erfolgreiche Frau heutzutage vor allem derart cool und selbstsicher, dass sie sich über Druck und Erwartungen einfach hinwegsetzen kann. Das ist falsch! Natürlich bereitet uns das Sorgen. Wir sorgen uns praktisch um alles. Für eine Studie zu diesem Thema wurden Paare drei Monate lang beobachtet. Die Männer sorgten sich täglich im Durchschnitt wegen drei Dingen, die Frauen hingegen wegen zwölf. Da überrascht es nicht, dass Frauen stärker zu Angststörungen neigen. Chronische Angst ist sogar eine Ursache für Depressionen und damit eine mögliche Erklärung, weshalb bei Frauen doppelt so häufig wie bei Männern eine klinische Depression diagnostiziert wird (was natürlich auch damit zusammenhängt, dass Frauen eher als Männer bereit sind, bei solchen Problemen fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen).

Wir sorgen uns praktisch um alles

Studien belegen unser Bedürfnis, unser Leben unter Kontrolle zu bringen, indem wir uns Sorgen machen. In einer Umfrage von 2011 sagten 22 Prozent der Frauen, sie wären täglich oder jede Woche besorgt, nervös oder ängstlich – gegenüber 16 Prozent der Männer. Eine andere Untersuchung meldet, dass mehr Frauen als Männer (27 gegenüber 20 Prozent) sich um die Gesundheit von Lebenspartner oder Kindern sorgten, und mehr Frauen als Männer (25 gegenüber 15 Prozent) meinten, Kinder seien in ihrem Leben eine sehr wesentliche Stressquelle. Laut der Website LiveScience.com ergab eine Umfrage aus dem Jahr 2012: »Männer sagten eher, dass ihnen berufliche Dinge Angst machen würden, während Frauen deutlich häufiger finanzielle Sorgen, Zeitmangel, Familienprobleme, Wohnsituation und Beziehungsfragen nannten.« Die Umfrage bestätigt ein altes Stereotyp und hätte auch den Titel tragen können: »Männer gestresst vom Beruf, Frauen gestresst vom Beruf und von allem anderen.«

Dummerweise glauben wir inzwischen selbst daran, dass wir in allem immer toll sein müssen, am besten ganz ohne Beistand. Man braucht keine Expertin zu sein, um zu erkennen, dass kein Mensch, ob Frau oder Mann, längerfristig beruflich eine 60-Stunden-Woche durchstehen und gleichzeitig die gleiche Zeit und Energie in andere Aspekte seines Lebens investieren kann. Dennoch sitzen in meinen Sprechstunden fast täglich Frauen, die sich Vorwürfe machen, weil ihnen genau dies nicht gelingt – weil sie nicht perfekt sind.

Anstatt die Fortschritte zu feiern, die der Feminismus seit dem Marsch der Suffragetten vom Hyde Park zur Exeter Hall im Jahr 1907 erstritten hat, sehen wir uns heute offenbar in einer Position gefangen, wo wir unerfüllbaren Erwartungen ins Auge blicken. Noch immer lastet auf uns der Druck, die perfekte Freundin und Frau zu sein. Hinzu kommen die moderneren Forderungen nach körperlicher Schönheit, Sexappeal in jedem Alter, geschicktem Unternehmergeist, Kreativität und Ehrgeiz. Was kommt dabei heraus? Wir sind unablässig in Sorge, nicht genug zu tun oder zu sein, und wir fühlen uns ständig unzureichend und schuldig, weil wir nicht in der Lage sind, alles zu erreichen.

Mühelos? Von wegen.

Linda Papadopoulos
Es ist MEIN Leben!
ISBN: 978-3-442-17559-8
Verlag: Goldmann

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