Monogamie sollte nicht glorifiziert werden

Friedemann Karig hat ein sehr kluges Buch geschrieben über unsere Vorstellung von Liebe. Und wie viele Paare an ihrem Wunsch nach Monogamie leiden. Im Interview erklärt er, warum er hofft, dass wir des Beziehungsglücks zuliebe neu zu denken lernen

Eric Hegmann: Ist Monogamie tatsächlich ein Auslaufmodell? Im Zehnjahresvergleich wird wieder mehr geheiratet, die Ehen dauern länger und es werden weniger Ehen geschieden. (Statistisches Bundesamt) Ist nicht sogar der Wunsch nach der AMEFI-Beziehung (Alles mit einem für immer) stärker als je zuvor?

Friedemann Karig: Auch, wenn es vielleicht einen kurzfristigen Trend zu mehr Hochzeiten geben mag: Auf 100 Eheschließungen kamen 2014 ganze 43 Scheidungen. Über die Hälfte der Deutschen sieht ihre sexuellen Wünsche in ihrer Partnerschaft nicht befriedigt. Kein Wunder, dass Affären der häufigste Grund für die Scheidungen sind. Der Wunsch nach AMEFI mag stark sein, aber die „Erfolgsquote“? Bleibt mäßig. Was nicht heißt, dass die Monogamie deshalb „out“ ist. Sie unreflektiert zu glorifizieren, obwohl sie offensichtlich vielen Menschen größte Schwierigkeiten verursacht, das ist hoffentlich bald out.

Bei Trennungen geht es meist um eingeschlafene Leidenschaft, Eifersucht und Außenbeziehungen. Haben Sie eine Erklärung für diese große Verlustangst, wenn eine Öffnung der Beziehung doch eine einfache Möglichkeit wäre?

Diese Angst ist heute tatsächlich so groß wie nie. Denn man verliert ja bei einem Seitensprung nicht nur den Partner, zumindest kurzfristig, sondern auch das Gesicht. Man wird bloßgestellt. Die hauptsächliche Quelle für unseren Selbstwert ist ja die Partnerschaft. Wer hintergegangen oder gar verlassen wird, ist am Anspruch der Postmoderne gescheitert: Ein liebenswertes Selbst zu sein. Er stirbt quasi einen „sozialen Tod“. Kein Wunder, dass wir Angst davor haben.

Sie zitieren mehrfach die Serie „Sex and the City“. Wie sehr haben nach Ihren Beobachtungen solche Serien und Filme das Denken über Liebe und Sex verändert? Ihres und das der Deutschen?

Die Geschichte von Carry und ihren Freundinnen ist ein gutes Beispiel dafür, dass weibliche Sexualität heute freier ist denn je. Und doch strotzt die Serie vor Klischees und alten Rollenbilder. Vor allem dreht sich bei den Damen fast alles um „Mr. Right“ – und die Suche nach ihm. Solche Narrative vermitteln uns eine klare Botschaft: Liebe und der richtige Partner sind das wichtigste. Ohne sie ist man wenig (vor allem Frauen). Und: Es gibt dort draußen jemanden, du musst ihn nur finden, mit dem wird alles gut. Das ist fast exakt die Beschreibung des romantischen Liebesideals, das sich seit über hundert Jahren nicht verändert hat. Nur heute tragen seine Botschafterinnen eben Minirock statt Korsett. Zeit, neu darüber nachzudenken, oder?

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