Generation Kontaktabbruch. Wisch und weg?

Was mal eben schnell mit einem Wisch beginnt, endet ebenso rasch. Nie zuvor war es so leicht, Kontakte mit anderen Menschen zu knüpfen. Und nie zuvor wurden Menschen so lange hingehalten und kommentarlos verlassen. beziehungsweise-Chefredakteur Eric Hegmann über die Generation Kontaktabbruch

Anderen die Schuld geben, das war schon immer leichter als eigenes Fehlverhalten zuzugeben. Ich wollte deshalb daraufhin wissen, wer denn bereits selbst schon einmal sich kommentarlos aus der Kennenlernphase geschlichen hatte, indem er abtauchte und sich nicht mehr meldete. Zunächst war da Kichern, dann Gemurmel und irgendwann hoben sich die Hände. Eine nach der anderen. Es waren kaum weniger als zuvor. Zumindest meine Zuhörer kennen also Ghosting, meist sowohl als Opfer, als auch als Täter. Darauf angesprochen, erklärte eine Frau: „Ich bin wirklich konfliktscheu. Man weiß doch heute: Wenn sich jemand nicht mehr meldet, dann hat er kein Interesse mehr. Jeder macht das so.“ Und eine andere fügte hinzu: „Ich kann doch nicht jedem eine ellenlange Begründung schicken. So viel Zeit habe ich gar nicht!“

Warum plötzlicher Kontaktabbruch so schmerzt

Wenn die Generation Kontaktabbruch für ein Phänomen steht, dann ist es Ghosting. Verlassen werden trifft immer mitten ins Herz. Ghosting verstärkt die Verletzung, denn es sind ja vor allem die Situationen, in denen Menschen sich hilflos und ohnmächtig fühlen, die besonders schmerzhaft wahrgenommen werden. Beim Ghosting kann ich nichts mehr tun, nichts mehr retten, nichts mehr sagen – alle meine gelernten Konfliktstrategien laufen ins Leere: der Partner ist nicht mehr erreichbar.

Man wartet und hofft auf eine Erklärung. Man grübelt und verfällt in depressive Phasen. Denn das Ungeklärte beschäftigt uns ganz besonders. Das menschliche Gehirn ist neugierig und kann es nicht gut ab, wenn es keine Antwort auf seine Fragen erhält. Deshalb wünschen sich Verlassene so dringlich eine Erklärung und einen Trennungsgrund – selbst wenn der schmerzhaft wäre, die Ungewissheit fühlt sich schmerzhafter an. Wer geghostet wird, fühlt sich wie ausgelöscht, weil er mit seinen Kontaktversuchen ins Leere läuft. Das hat fatale Auswirkungen, denn Ghosting kann traumatisch erlebt werden. Stammesgeschichtlich war Verlassenwerden ein sicheres Todesurteil. Das prägt uns heute noch. Liebeskummer wird häufig belächelt, dabei kann man am „Broken Heart“-Syndrom tatsächlich sterben. Ich habe Klienten, die berichten von typischen Symptomen einer Posttraumatischen Belastung: Gewichtsverlust, Schwindel, körperliche Schmerzen, Appetit- und Schlaflosigkeit. Beim Ghosting kommen Ausgeliefertsein und Trennung zusammen.

Welche Gründe haben Menschen für einen plötzlichen Abbruch des Kontaktes – ohne Erklärung? Wer ghostet ohne Erklärung, der will sich nahezu immer schützen vor der Reaktion des Verlassenen. Das ist in den meisten Fällen sicher ein Stück weit Feigheit. Aber manchmal auch Selbstschutz. Ich kenne durchaus Fälle von Ghosting, bei denen nur der Verlassene das Gefühl hatte, eine Beziehung zu führen – der andere Partner war überzeugt, ganz deutlich gemacht zu haben, dass er kein Interesse hat. In anderen Fällen war der Kontakt – nach Aussagen des Ghosters – es einfach nicht wert, sich auch nur einen Moment länger mit ihm zu beschäftigen. Was auch immer jemanden dazu verleiten mag, einen anderen Menschen als so wertlos wahrzunehmen.

Hinhalten, was Besseres suchen und einfach nicht mehr melden

Sind wir denn immer auf der Suche nach der besseren Option? Gibt es tatsächlich zu viele Optionen, weil wir wischen und wischen und wischen können? 36 Prozent der Berliner sind Singles, in Hamburg 35 Prozent und in anderen Metropolen sieht es genauso aus. Das sind eine ganze Menge Singles, die man theoretisch als potentielle Partner prüfen könnte. Zu viele. Deshalb braucht es Suchkriterien. Die jedoch dürfen nicht zu streng sein, um sich nicht mögliche Optionen versehentlich aus der Vorschlagsliste zu kegeln. Gibt man die Auswahl ab, dann nagt der Zweifel, ob man nicht doch das Beste verpasst. Will man sich nur auf das eigene Urteil verlassen, dann verliert man die Übersicht. Statt lebenslanger Beziehung heißt es dann lebenslange Partnersuche.

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