Warum du dich ständig selbst belügst

Abwehrmechanismen sorgen dafür, dass wir uns nicht zu viel Stress zumuten. Allerdings auf Kosten der Ehrlichkeit. Das führt beispielsweise dazu, dass uns an anderen so sehr stört, was uns eigentlich selbst betrifft. Ein Ausflug in unsere unbewussten Schutzstrategien.

Was sind Abwehrmechanismen?

In der Psychologie versteht man unter Abwehr einen automatisch verlaufenden, unbewussten Prozess. Dieser soll einen Konflikt abwehren, der meist mit Angst, mit Schmerz oder Frustration verbunden ist. Es handelt sich bei Abwehrmechanismen um eine Bewältigungsstrategie. Phantasien, Ängste, Lust- und Unlustgefühle, Bedürfnisse, Emotionen und Impulse werden so unbewusst gemacht und gehalten. Das heißt, negative Gefühle und Wahrnehmungen aus dem Inneren und vom Außen werden dem Bewusstsein ferngehalten. Wie das konkret abläuft? Gleich. Zunächst einmal, warum geschieht das?

Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell

Abwehrmechanismen sind wichtig, damit unser „Fass nicht überläuft“. Was ist damit gemeint? Therapeuten kennen das Vulnerabilitäts-Stress-Modell als ein Fass mit all den Einflüssen, die dem Ich Stress zufügen könnten. In dieses Fass passt eine ganze Menge an Wahrnehmungen, jedoch ist die Füllmenge abhängig von beispielsweise genetischen Faktoren oder frühen Prägungen. Plagt dich grundsätzlich Verlustangst, dann kann dein Fass nicht viel Zweifel mehr aufnehmen und du reagierst sehr viel früher sehr viel heftiger auf Anzeichen, deine Partnerin oder dein Partner könnten sich zurückziehen. Jemand anders mit vor allem positiven Erfahrungen in seinen Beziehungen, kann hier deutlich mehr aufnehmen. Dennoch werden sich auch bei ihm irgendwann so viele Stressfaktoren angesammelt haben, dass es einen Überlaufschutz des „Fasses“ braucht. Und dieser besteht aus Abwehr- und Schutzmechanismen.

Reife und unreife Abwehrmechanismen

Unterschieden werden frühe unreife und reife Abwehrmechanismen. Unreife Abwehrmechnismen bilden sich, wie der Name vermuten lässt, sehr früh und können zu Persönlichkeitsstörungen führen. Die Dissoziation beispielsweise, die Spaltung von traumatischen Erfahrungen, die von der Persönlichkeit abgespalten werden. Reife Abwehrmechanismen hingegen setzen eine ältere, eine reifere Struktur und Ich-Stärke voraus. Wir legen hier den Blick auf die reifen Abwehrmechanismen, die beispielsweise in Beziehungen zum Tragen kommen:

  • Projektion: Unerwünschte Gefühle werden anderen zugeschrieben. „Nicht ich bin aggressiv, du bist es!“ „Nicht ich bin unlogisch, du denkst nicht richtig!“
  • Reaktionsbildung: Ein unerwüschter Impuls, beispielsweise sich abgrenzen wollen, wird durch sein Gegenteil ersetzt: Nähe herstellen. 
  • Verschiebung: Die emotionale Reaktion auf eine Person oder ein Verhalten wird auf einen anderen verschoben, der weniger bedrohlich erscheint und dieser zum „Sündenbock“.
  • Intellektualisierung: Gefühle werden intellektualisiert, um sie nicht fühlen zu müssen. „Ich habe keine Angst davor verlassen zu werden, mich interessiert nur generell das Thema.“

Die häufige und übermäßige Anwendung von Abwehrmechanismen, die fehlende nachhaltige Bewusstwerdung, der Realitäts- und Kräfteverlust und die Einschränkungen der Ich-Funktionen entscheiden hierbei über ihre Pathologie. 

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