Liebe überdauert

Der Tod beendet die Liebe nicht – Interview mit Trauer-Expertin Christine Behrens über die Rückkehr ins Leben

Nach Verlust des Partners braucht es Stärke, um sich nicht als Opfer des Schicksals zu sehen. Gleichzeitig braucht es Hoffnung, wieder Liebe erleben zu können. Wie und wo lassen sich nach Ihren Erfahrungen Stärke und Hoffnung finden?

Der Tod beendet das Leben eines Menschen, nicht aber die Liebe zu ihm/ihr. In der Trauer kommt es darauf an, die Abwesenheit des Verstorbenen zu realisieren. Gleichzeitig gibt es aber auch den Wunsch, diese Liebe weiterleben zu können – in veränderter Form. Wenn das gelingt, kann das eine große Ressource für das zukünftige Leben ohne den Verstorbenen sein. Der Schmerz als stetiger Begleiter der Trauer ist zwar dabei, aber die Hoffnung begleitet auch! Zuerst kaum zu spüren, wächst sie immer mehr. Leichter wird es, wenn Trauernde viel über den Verstorbenen reden. Mit Freunden, Trauerbegleitern, in Selbsthilfegruppen oder online: Beispielsweise ist www.verwitwet.de eine gute Plattform.

Warum reagieren Menschen so unterschiedlich auf seelisches Leid?

Die einen sehen nur den Verlust: „Peter ist gestorben, ohne ihn ist mein Leben sinnlos“, andere formulieren vielleicht „Peter ist gestorben und ich lebe noch. Wie kann es weitergehen?“ Diese Reaktion auf den Tod nennt man eine resiliente Reaktion. Das heißt nicht, dass diese Menschen keine schweren Momente in ihrer Trauer erleben – nur die Haltung dazu ist eine andere. Man kann diese Resilienz nicht vorhersagen, sondern erst Rückschlüsse nach einer belastenden Situation ziehen. Daher ist es möglich, dass Menschen, die schon viele Krisen in ihrem Leben hatten, leichter eine resiliente Position einnehmen.

Wie können Freunde helfen – und was kann man selbst für sich tun?

Ich finde hier ist Achtsamkeit ein gutes Stichwort. Hinschauen, Dasein und evtl. auch praktische Hilfen leisten z.B. die Kinder von der Schule abholen, bei der Nachlassregelung unterstützen, mal mit einem selbstgebackenen Kuchen nach dem Rechten sehen etc. Dem/der Trauernden das Gefühl geben, das er/sie nicht alleine ist. Das vermittelt Trost ohne viele Worte. Trauernde selbst können mit sich selber eine Vereinbarung treffen, wann am Tag sie der Trauer nachgeben bzw. nachgehen. Wenn jemand arbeiten muß oder Kleinkinder versorgt, ist das wichtig, um weiter zu funktionieren. Die Trauer ist dann in bestimmten Phasen sehr präsent und in anderen Phasen weniger.

Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Intensität der Liebe und Länge der Trauerphase? Oder sollte man solche Gedanken zum Selbstschutz ganz meiden?

Menschen trauern ganz unterschiedlich. Je nach Vorgeschichte, Art des Todes oder auch dem kulturellen Umfeld. Natürlich spielt auch die Intensität der Liebe eine Rolle. Dennoch muss eine enge, intensive Bindung nicht immer bedeuten, dass die Trauerreaktion sehr ausgeprägt ausfällt. Es gibt Fälle, da trauern Menschen nach einer langen, intensiven Beziehung wenig. Das führt dann allerdings auch wieder zur Irritation.

Welche Faktoren begünstigen das Abschiednehmen und Loslassen?

Ich erlebe häufig, dass die äußeren Ressourcen, die ein Mensch hat, helfen: Freundschaften oder einen Beruf, den man mag. Wer schon Erfahrung mit der Trauer gemacht hat, weiß was auf ihn/sie zukommt. Das Gefühl ist nicht mehr so fremd und wirbelt nicht alles durcheinander. Auch Menschen, die sich trauen Hilfe zu holen, bewerten diese Begleitung als unterstützend im Abschiedsprozess.

Wie können Kinder helfen, wenn ein Elternteil den Lebenspartner verliert, und dennoch selbst ihre Trauer bewältigen?

Kinder können in der ersten Zeit dem Elternteil viel Kraft und Stabilität verleihen. Der Alltag geht ja weiter. Man kann mit jüngeren Kindern zusammen Rituale entwickeln, wie z.B. noch einmal einen Brief an den/die Verstorbenen schreiben. Mittlerweile gibt es viele Bilderbücher und Geschichten über den Tod zum Vorlesen und Verstehen. Das Thema sollte nicht tabuisiert werden. Kinder stellen in den meisten Fällen intuitiv die richtigen Fragen, die für sie wichtig sind, um die Trauer zu verarbeiten. Diese muss man dann natürlich auch beantworten. Und ganz wichtig: Kinder dürfen nicht zum Ersatzpartner gemacht werden! Falls es trotzdem Unsicherheiten gibt, kann man sich an Beratungsstellen wenden (z.B. Kindesglück & Lebenskunst e.V.).

Wer im höheren Alter seinen Partner verliert, zweifelt oft daran, dass eine neue Liebe irgendwann möglich sein kann. Optimismus ist aber eine Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Partnersuche. Wie lässt sich Lebensfreude wiederfinden?

In kleinen Schritten. Sich nicht überfordern und froh sein über jeden Tag, den man mit dem verstorbenen Partner hatte. Kleine Schritte heißt auch, nach einer gewissen Zeit der Trauer, dankbar zu sein für das was man bislang schon bewältigt hat. Und wie in der ersten Frage schon angedeutet: wenn ein Trauernder es schafft, eine innere Beziehung zu dem Verstorbenen aufzubauen, ihm/ihr einen inneren Platz im Herzen zu geben, kann man ein neues verändertes Leben leichter annehmen.

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