Ich liebe jemanden, der vergeben ist

Wenn der andere sich nicht zwischen Ihnen und seiner Beziehung entscheiden kann

Niemand kann sich aussuchen, in wen er sich verliebt. Das ist schon immer so gewesen: Das Herz macht einfach, was es will. Doch wie auch bei richtig harten Schicksalsschlägen wird einem das erst voll und ganz bewusst, wenn es einen selbst unvermittelt von hinten in die Brust trifft und man begreift: Ich bin verliebt in einen Menschen, der vergeben ist. Ich bin die Affäre, der giftige Stachel, der sich in eine zumindest oberflächlich noch existierende Liebe bohrt. Der jemandem wissentlich den Partner raubt, den einen Menschen, auf den er sein Leben baut. Ich bin der oder die Andere und will es gar nicht sein. Will der oder die Eine sein, jemanden wollen, der solo ist. Denn jeder weiß doch, was die Statistik sagt: Kaum einer verlässt seinen langjährigen Partner für eine kleine Liebelei.

Dann schmerzt es und es quält und es bringt einen fast um. Weil man plötzlich nicht einfach mit anderen attraktiven, namenlosen Singles konkurriert, sondern mit etwas viel Größerem. Mit einem Menschen nämlich, der dem Schwarm so nahe steht wie kaum jemand sonst. Der tagtäglich ein Bett mit ihm teilt, seinen Duft riecht, ihn atmen hört. Jemand, der seine Familie ist, vielleicht sogar Mutter oder Vater seiner Kinder. Eine Bindung, die unzertrennlich scheint. Und doch Risse davongetragen hat, davongetragen haben muss. Wie sonst könnte jemand all das beiseiteschieben und lügen und betrügen, dass sich die Balken biegen. Um abends nach Hause zu kommen, als wär nichts geschehen.

Wie konnte ich in diesen Schlamassel geraten?

Eine mehr als verzwackte Situation – zweite Geige, Familienzerstörer, voller Zweifel, Sehnsucht, Hoffnung – in die sich wohl kein Mensch freiwillig begibt. Gefühle können überwältigend sein und den Verstand einfach ausknipsen. Wo die Liebe hinfällt, setzt das logische Denken aus. Doch wenn es einen Weg hinein gibt, muss doch irgendwo auch einer wieder rausführen. Oder nicht? Wie in allen Herzensangelegenheiten wird es jedenfalls emotional nicht einfach. Voraussetzung ist, dass man mit sich selbst absolut ehrlich ins Gericht geht und die folgende Frage möglichst rational beantwortet:

Wie sehr will ich ihn oder sie wirklich?

Auch wenn man das verliebte Kribbeln am ganzen Körper fühlt, heißt das nicht unbedingt, dass der oder die andere zwangsläufig eine Person ist, für die sich der unausweichliche Kampf auch wirklich lohnt. Vielleicht spielt der Reiz des Verbotenen mit rein und verebbt, sobald der begehrte Mensch frei ist für die Liebe mit allem Drum und Dran. Vielleicht ist da aber auch einfach ein unbestimmtes Bauchgefühl, die leise Stimme der Intuition, die flüstert: Es ist nicht richtig. Weil der andere möglicherweise eine völlig andere Auffassung vom Leben hat. Weil er offensichtlich jemand ist, der andere hintergeht, obwohl sie ihm blind vertrauen. Weil man nicht mit dem Schuldgefühl leben könnte, für das Leid einer verlassenen Person verantwortlich zu sein, die ebenso gut man selbst sein könnte.

Und was nun?

Jetzt gibt es nur einen nächsten Schritt, nämlich das offene Gespräch mit dem anderen – gefolgt vom Rückzug. Sendepause. Denn ganz egal, ob man entschieden hat, den Kampf auszufechten und auf eine Trennung zu setzen, oder letztlich eingesehen hat, dass sich noch mehr Schmerz nicht lohnt: Die einzige wirkungsvolle Lösung heißt Abstand. Nur so bleibt dem anderen Zeit und Raum, seine aktuelle Beziehung auf erwachsene Weise zu beenden, ohne dass man weiterhin verzweifelt auf ihn eindringt. Meint er es ernst mit einem, wird er kommen, sobald er frei ist. Kommt er trotz aller Versprechungen nicht, hat man zumindest nicht noch mehr investiert. Und verloren. Insofern ist der Rückzug vor allem Selbstschutz. Denn das Wichtigste ist, sich vor Augen zu halten, dass man mehr verdient. Mehr als ein Leben auf der Ersatzbank eines Menschen, der einen nie genug zurücklieben wird.

 

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