Meine Frau wird zur Eso-Tante

Die Beziehung von Norbert und Stefanie steht auf der Kippe. Sie versucht mit Esoterik ihr Leben wieder in richtige Bahnen zu lenken, aber er kann damit nichts anfangen und versteht seine Frau nicht mehr

Norbert und Stefanie sind ein Paar, das mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität steht. Sie sind bewusst kinderlos geblieben, weil sie sich auf ihren Beruf und auf ihr Liebesleben konzentrieren wollten. Das reicht für uns, um glücklich zu sein, war ihre einhellige Meinung. Beide sind Ärzte und haben sich während des Studiums kennengelernt. Norbert hat eine Hautarztpraxis, Stefanie arbeitet als Chirurgin im Krankenhaus. Schon von Berufs wegen ist das Paar naturwissenschaftlich ausgerichtet, es zählt, was man sehen und beweisen kann, an Gott oder andere spirituelle „Dimensionen“ glauben sie nicht.

Das Ehepaar lebt im Hier und Jetzt und tut alles, was es tut, mit großer Leidenschaft, beruflich und privat. Stefanie ist in den letzten Jahren allerdings zu sehr auf der Überholspur gewesen, zu viele Dienste, eine Chefin, von der sie drangsaliert wird. Es fing mit Schlafstörungen an, Stefanie kam nachts nicht mehr zur Ruhe, am Tag hatte sie oft Kopfschmerzen, andere psychosomatische Probleme folgten. Stefanies Existenz geriet aus den Fugen, ihr Selbstverständnis wurde erschüttert, sie hatte panische Angst, ihren Beruf nicht mehr ausüben zu können.

Sie begann eine Psychotherapie, sie ging zum Yoga, sie las viele Bücher, sie suchte nach Wegen, um wieder seelisch stabil zu werden, nichts schien wirklich zu helfen. Stefanie war verzweifelt. Die Yogalehrerin empfahl eine Heilpraktikerin, um nichts in der Welt wäre Stefanie früher zu einer Heilpraktikerin gegangen, sie schwört auf Schulmedizin. In dieser Praxis war der Aushang einer Schamanin, Stefanie besuchte die Schamanin, anschließend belegte sie ein Seminar bei einem Transformationstherapeuten und konnte Norbert nicht einmal begreiflich machen, was das sein soll, eine Transformationstherapie. Norbert versteht Stefanie nicht mehr, er kann nicht nachvollziehen, was seine Frau fühlt und denkt, er kann nur den Kopf schütteln, wenn sie plötzlich beim Abendessen von „Karma“ spricht. Norbert schwankt zwischen dem unwiderstehlichen Drang, sich darüber lustig zu machen und der ernsten Sorge, wohin seine Frau abdriftet.

„Ich habe angefangen, das mal zu googeln“, erzählt Norbert, „Menschen, die in einer Lebenskrise in die Fänge von Esoterikern geraten. Das passiert ziemlich oft. Und in den meisten Fällen entfernen sich die Leute dann von ihren Angehörigen, lassen manchmal Haus und Hof im Stich, weil sie irgendeinen Guru gefunden haben, der ihnen das Heil verspricht. Ich selbst hatte mit diesem Aberglauben noch nie etwas zu tun. Ich bin entsetzt, was sich da alles im Internet tummelt, selbsternannte Experten, die ihre dubiosen Dienste anbieten. So was müsste verboten werden.“

Stefanie sieht das anders, sie findet, dass man schließlich die freie Wahl hat und sich nicht mit diesen Dingen befassen muss, es ist alles freiwillig. Es führe eben nicht nur ein Weg nach Rom, sagt sie. Jetzt, wo sie im Innersten aufgewühlt ist und nicht mehr weiß, ob ihr Leben wirklich ihr Leben ist, freut sie sich über die bunte Palette von Angeboten, die sie bei der Sinnsuche unterstützen.

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