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Anpacken oder klagen? Warum Jammern bei Konflikten nichts bringt

Es ist immer leicht, an dem anderen etwas auszusetzen, aber schwer, ihm zu sagen, was man wirklich möchte, weiß auch Gastautorin Bianka Echtermeyer

Ich beobachte, dass beim Konfliktmanagement in Beziehungen Frauen wie ich in zwei Persönlichkeiten zerfallen. Die eine Hälfte der Persönlichkeit weiß ganz genau, dass Jammern kontraproduktiv ist. Dass fiese Sätze wie „IMMER bist du so“ nur dazu führen, dass sich der Partner noch öfter so (falsch) verhält. Dass ein Angriff auf ihn immer bedeutet, dass er zum Gegenangriff ausholt. Dieses Wissen habe ich durch jahrelange Psychoartikellektüre bestens verinnerlicht. Ich kenne die Bedeutung von „Ich-Botschaften“ und dass Konflikte in Beziehungen immer von zwei Seiten ausgehen.

Die andere Hälfte der Persönlichkeit kapiert es trotzdem nicht.

Wenn ich mir meiner Handlungen bewusst bin, versuche nett zu sein, mitfühlend und den anderen zu verstehen, aber ER nicht auf MICH eingeht, dann lassen sich doch keine Beziehungsprobleme lösen, oder?

Dann ist es doch nur natürlich, dass ich ihm sein Verhalten vorwerfe und mich beklage. Alles andere wäre doch ein reines Nachgeben, ein Sich-Fügen und unterordnen, oder? Gut, im Streit könnte ich trotzdem sicherlich manchmal weniger impulsiv sein, aber daran kann man ja arbeiten.

Über diesen Widerspruch – ist Nicht-Jammern ein Nachgeben – habe ich mir sehr viele Jahre viele Gedanken gemacht. Und vor Kurzem habe ich einen Satz gelesen, der mich weiter gebracht hat.

Der kluge Paartherapeut Oskar Holzberg hat in der Zeitschrift Brigitte geschrieben, dass es immer weniger riskant sei, gegen das Verhalten des Partners zu kämpfen statt für seine eigenen Bedürfnisse.

Und es stimmt. Es ist wirklich leicht, dem anderen alles vorzuwerfen und ihm klarzumachen, was er alles NICHT tut oder ZU VIEL tut. Aber für sich zu kämpfen würde bedeuten, dass man sich so zeigt, wie man wirklich ist. Und dem anderen Dinge über sich sagt, die er lächerlich oder sensibel finden könnte.

Jetzt klingt die Lösung erst einmal nicht spektakulär, in langjährigen Beziehungen weiß man immer viel voneinander und ist idealerweise auch ehrlich zueinander. Aber wie offen ist man eigentlich wirklich, wenn es um Dinge geht, die kritisch sind? Bei denen man nicht weiß, wie der andere sie aufnehmen könnte. Oder die einen klein und verletzlich dastehen lassen könnten. Das ist ein großer Unterschied.

Aber genau das ist die Stärke. Wer das Jammern aufgeben und die Konflikte in der Partnerschaft anpacken will, muss sich wirklich bewusst sein, dass eine intensivere Offenheit ein großes Wagnis ist. Dem anderen zu erzählen, warum man so geworden ist, wie man ist. Von den Erfahrungen und/oder Verletzungen aus der Kindheit, von früheren Beziehungen, möglicherweise von Ängsten in der Beziehung nicht angenommen zu werden, von Sätzen, die Schmerz auslösen, von sexuellen Vorlieben und vielem mehr.

Das Risiko, dass der andere damit überfordert ist, ist da. Das darf man nicht wegreden. Und auch, dass er sich abwenden oder sauer sein könnte. Auf der anderen Seite liegt aber die Chance, dass man tausendfach enger zueinandersteht als vorher.

Aber all das schafft man nur, wenn man weiß, dass man im ersten Fall nicht zerbrechen würde. Dass der Versuch immer noch besser ist als das Jammern. Dafür muss man sich nur bewusst entscheiden.

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Über den Autor/die Autorin

Bianka Echtermeyer

Bianka Echtermeyer hatte lange eine feste Beziehung mit der Liebe – knapp acht Jahre hat die Hamburgerin bei Brigitte.de gearbeitet und einige Jahre das Ressort Liebe & Partnerschaft betreut. Aber ist sie deshalb eine Art Herzens-Wiki? Wohl kaum, denn die Liebe ist und bleibt das schönste Geheimnis der Welt.