Warum es okay ist, nicht jede Kiste auszugraben

Wir suchen nach ganz bestimmten Dingen, und wenn wir sie finden, stellen wir fest, dass wir sie so vielleicht doch gar nicht haben wollten. Unsere Autorin Julia hat in ihrer Vergangenheit gegraben. Ein Leserbeitrag

Als ich etwa elf Jahre alt war, habe ich mit ein paar Freundinnen eine Kiste mit unseren Wünschen und Zielen für unsere späteren „Erwachsenen-Ichs“ vergraben. Denn als kleines Mädchen hatte ich eine ganz bestimmte Vorstellung davon, wie mein Leben mit Mitte zwanzig einmal sein würde. Meine Freundinnen übrigens auch. Wir hatten es uns damals ganz genau ausgemalt. Ich habe mir zum Beispiel vorgestellt, dass ich dann bereits den Job schlechthin hätte und die ganze Welt bereisen würde. Ich dachte wirklich, ich würde mein Leben völlig im Griff haben. Was für ein Trugschluss, denke ich heute. Aber damals waren uns schon Abiturienten unheimlich cool und reif vorgekommen. Da war es nur logisch, dass wir dachten, wir würden mit Mitte zwanzig wirklich erwachsen sein. Was waren wir dumm, denke ich heute.

Vor einiger Zeit haben meine Freundinnen und ich uns entschlossen, unsere Kiste auszugraben. Wir konnten zwar noch immer grob rekonstruieren, was wir uns damals gewünscht hatten, aber vor allem überwog die Neugier auf unsere früheren Wünsche und Ziele. Also nahmen wir die Schaufeln in die Hand und gruben. Wir gruben wirklich wie die Wahnsinnigen, aber wir konnten unsere Kiste nicht finden. Es ging sogar so weit, dass wir beinahe den kompletten Garten umgegraben haben – doch ohne Erfolg. Unsere Kiste blieb verschwunden. Jetzt wurde es uns zum Verhängnis, dass wir damals einen Schuhkarton für unsere Zeitkapsel verwendet hatten, denn der hatte sich in all den Jahren aufgelöst. Einzig ein Stück des Kartons konnten wir dank unserer Hartnäckigkeit wiederfinden. Doch alles andere war weg. Wir waren ziemlich enttäuscht, dass von unserer Wünschekiste nichts mehr übrig geblieben war.


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