Liebe wider die Vernunft

Unsere anonyme beziehungsweise-Leserin hat ihre eigenen Wünsche akzeptiert: eine Beziehung zu einem Mann, der deutlich älter ist als sie. Jetzt müsste noch ihr Umfeld diese Verbindung und ihre Wünsche respektieren.

Dass ich mich zu älteren Männern hingezogen fühle, weiß ich bereits seit Jahren. Während meines Studiums kam ich beim Ausgehen zwar immer wieder mit Männern ins Gespräch, doch die beiden Beziehungen, die ich mit etwa Gleichaltrigen führte, endeten nach nur wenigen Wochen. Der Schritt aktiv nach einem reiferen Mann zu suchen, kostete mich einiges an Überwindung.

Vielleicht passte eine solche Beziehung auch nicht in mein Bild einer modernen Frau. Sicher hatte ich auch Vorbehalte gegenüber Männern, die eine Partnerin suchen, die ein paar Jahre jünger ist. Paare mit größerem Altersunterschied kannte ich nur aus den Medien und ich fürchtete, dass die Optik und der Sex eine zu große Rolle in einer solchen Beziehung spielen würden.

Trotz aller Bedenken entschied ich mich meine eigenen Wünsche zu akzeptieren und über ein Datingportal mein Glück zu versuchen. Wenige Minuten nach meiner Anmeldung erhielt ich eine Nachricht von meinem heutigen Freund (60 Jahre), dessen Profil mich sofort ansprach.  

Ich will auch in der Öffentlichkeit zu unserer Beziehung stehen

Nachdem wir ungefähr eine Woche sporadisch miteinander geschrieben hatten, verabredeten wir uns zum Essen. Wenngleich ich bei unserem ersten Aufeinandertreffen zunächst sehr zurückhaltend agierte, signalisierte er mir Interesse und gab mir schnell ein Gefühl der Vertrautheit. Zunehmend gelang es mir mich zu entspannen und mich ihm gegenüber zu öffnen. Als er meine Hand nahm, fühlte sich dies in der Öffentlichkeit zunächst noch sehr ungewohnt an.

Bei den kommenden Treffen erwischte ich mich immer wieder dabei, dass ich – während er mich berührte – aus den Augenwinkeln die Reaktion der Umwelt beobachtete. Aber mir ist es wichtig, auch in der Öffentlichkeit zu unserer Beziehung zu stehen. Ich gewöhnte mich mit der Zeit auch an den ein oder anderen überraschten Blick.

Die Diskrepanz zwischen unseren Erfahrungen beunruhigte mich

Mein Freund hatte im Gegensatz zu mir bereits mehrere langjährige Beziehungen, war einige Jahre verheiratet und ist Vater einer volljährigen Tochter. Diese Diskrepanz zwischen unseren Erfahrungen beunruhigte mich, da ich mir wünsche auch in seinem Leben eine besondere Rolle zu spielen. Auch in sexueller Hinsicht gab es für ihn wenig Neues zu entdecken, während ich vor unserer Beziehung kaum sexuelle Erfahrungen gemacht hatte.

Trotz dieser Unterschiede gelang es mir, mich bei ihm rasch fallen zu lassen und ich spürte vom ersten Date an eine sexuelle Spannung. Wir sprachen sehr offen über unsere Wünsche und mit ihm kann ich meine devote Neigung ausleben, so dass sich mir sexuell eine neue Welt eröffnete.

Bei meinem Umfeld stieß ich auf Unverständnis 

Obwohl das Verhältnis zu meinen Eltern gut ist, habe ich einige Monate gezögert ihnen von meiner Beziehung zu erzählen. Bis heute haben sie ebenso wie mein Freundeskreis meinen Partner nie kennengelernt. Meine Entscheidung für einen reiferen Mann, kann in meinem Umfeld niemand nachvollziehen. 

„Hat er denn wenigstens Geld?”  

„Hast du vielleicht einen Vaterkomplex?”  

„Empfindest du den Sex nicht als eklig?”  

Das sind nur einige der Fragen, mit denen ich mich nach meinen „Outing” konfrontiert sah. Ich weiß, dass sich meinen Eltern für mich eine Beziehung mit mehr Zukunft wünschen und für meine Freundinnen käme eine Beziehung mit so großem Altersunterschied nicht in Frage. Aber sie respektieren sie meine Entscheidung, solange ich damit glücklich bin.    

Wir genießen den Augenblick

Wenn ich junge Paare auf der Straße sehe, spüre Ich manchmal einen Schmerz. Mein Freund und ich können im Gegensatz zu diesen Paaren keine lange gemeinsame Zukunft planen. Zusammenziehen oder Heiraten kommt bei uns nicht in Frage und auch die Familienplanung ist bei meinem Freund längst abgeschlossen. Ich bin Mitte 20 und die meisten meiner Freundinnen sind bereits in langjährigen Beziehungen. 

Ich habe mir immer Kinder, Heirat und Sicherheit gewünscht und fürchte, dass es, wenn ich bei ihm bleibe, irgendwann dafür zu spät sein könnte. Dennoch weiß ich, dass meine Gefühle für ihn zu stark sind, um unsere Beziehung aufzugeben. Mein Freund ermahnt mich immer wieder die Zukunft auszublenden und den Augenblick zu genießen.  Also versuche ich meine Zukunftsängste für eine gewisse Zeit über Bord zu werfen und unsere kurze, gemeinsame Zeit intensiv auszukosten. Ich denke es lohnt sich!

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