Letzte Fahrt nach Berlin

Wir setzten uns in die fast leere Wartehalle des Bahnhofs. Und wenn der Zug jetzt einfach ohne uns weiterfährt, fragte Lena. Das wird er leider nicht, sagte ich und weiß heute nicht mehr, wie ich das genau meinte. Letzten Winter war das alles, über ein Jahr ist es schon her.

Ich erzählte ihr von meinem Leben und langsam war ich wohl für sie nicht mehr bloß jener gestresste Typ, dem sein Job alles galt. Ich erzählte ihr von meinem letzten Urlaub, von meinem Hund, der wahrscheinlich gerade von meiner Nachbarin, einer älteren Dame, so richtig verhätschelt wurde. Ich brachte auch sie zum Lachen. Irgendwann schwiegen wir für eine Weile. Dann stellt sie mir die Frage, welchen Eindruck ich auf sie mache. Wie meinst du das, welchen Eindruck? Fragte ich sie. Meine Beziehung, sagte sie, wirke ich glücklich auf dich? Ich antwortete ihr wohl irgendetwas Ausweichendes, vielleicht, dass wir uns ja gar nicht richtig kennen würden und mir nicht zustünde, etwas über ihre Beziehung zu äußern. Wir wechselten das Thema.

Zeit verstrich und ich erreichte unseren potenziellen Kunden immer noch nicht. Es sollte wohl nicht sein. Ich wunderte mich, dass ich mit einem Mal ganz ruhig war. Das werde ich immer, wenn ich einen Punkt erreiche, von dem an ich nichts mehr ändern kann, sondern einfach hinnehmen muss. Das lag alles nicht mehr in meiner Macht.

Irgendwann kamen die Busse, hatten sich ihren Weg durchs Schneechaos gebahnt. Wir setzten uns nebeneinander und hingen unseren Gedanken nach, redeten nur noch wenige Worte. In unserem Bus war es überhaupt ziemlich still. Berlin kam näher und Lena fing irgendwann an zu weinen, leise, aber bitterlich. Ich legte ihr eine Hand auf die Schulter, sagte nichts. Irgendwann waren wir umzingelt von roten und weißen und gelben Stadtlichtern. Ich ließ sie an uns vorbeiziehen. Kurz nach sieben erreichten wir den Hauptbahnhof, stiegen aus. Ich tätigte noch einige Telefonate, es war nicht zu erwarten, dass der Kunde Rücksicht auf die Umstände nehmen würde. Lena stand neben mir und sah mich an. Ich umarmte sie, sie war trotz der Kälte ganz warm. Ich sagte: Nein, du wirkst leider nicht sehr glücklich. Sie sah stumm durchs Schneetreiben Richtung Reichstag. Wir verabschiedeten uns voneinander, dann machte sie sich auf den Weg ins U-Bahngewimmel und ich stieg in ein Taxi, fuhr zu meinem Hotel.


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