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An die Person, die ich zu früh verlassen habe

Gegensätze ziehen sich an? Manchmal sind die Fliehkräfte eben doch größer als die Gefühle. Ein Leserbeitrag

Zunächst, es geht mir gut. Ich führe eine wundervolle Beziehung. Du kennst ihn nicht. Ich habe ihn auf der Uni getroffen. Wir wohnen seit drei Jahren zusammen. Wir suchen gerade etwas weiter draußen, falls es demnächst zu eng werden wird … Was ich sagen möchte: Ich will dir keinesfalls zu nahe treten, ich will dich weder verführen, noch von etwas überzeugen, ich möchte nicht einmal ein Treffen arrangieren. Es ist da nur etwas, das ich dir endlich sagen möchte, was mich seit Jahren beschäftigt und das raus muss, damit ich Frieden schließen kann. Mit mir selbst. Und ich wünsche mir, dass du Frieden damit schließen kannst.

Als ich damals gegangen bin, da gab es keinen Anderen. Nur den Wunsch nach Freiheit. Raus aus diesem Nest. In irgendeine Stadt, die mehr als Weinberge und einen Kirchplatz zu bieten hatte. Ich war jung, wusste nicht, was ich wollte. Du warst bereits älter, nein, eigentlich reifer. Du wusstest, was du wolltest. Nämlich eine Zukunft mit mir. Das bereitete mir Angst. Du hattest Ziele. Ich hatte keinen Plan. Du wolltest das Gut deiner Eltern übernehmen. Noch bevor es en vogue wurde, an deutschen Hängen ausländische Reben anzubauen, hattest du bereits die verschiedenen Lagen nach Boden, Sonne und Ertrag geprüft und festgestellt: Da geht noch viel mehr. Ich sah meine Zukunft ganz woanders. Träumte von Auslandsaufenthalten, wollte die Welt erkunden. Raus, alles, nur weg hier!

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Deine Bodenständigkeit weckte meine Angst vor Stillstand. Ich suchte Veränderung. Du hattest dich der Konstante verschrieben. Mir kam das so rückwärtsgewandt vor, dass ich wütend wurde auf dich. Wolltest du denn nicht erleben, was es sonst noch gab? Sehen, was hinter diesen Hügeln lag? Am Strand liegen und die Wellen beobachten? Deshalb schrieb ich mich an einer Uni ein, die maximal weit entfernt war. An der Küste. Du solltest mich nicht fesseln können an diesen Ort, der für mich den Mief von überholten Traditionen verströmte.

Ich war jung, wusste nicht, was ich wollte

Wenn ich zurückblicke, gerade jetzt, wo ich selbst Ruhe gefunden habe, erkenne ich, dass deine Art, die Welt zu sehen, mir erst ermöglicht hat, mit dem Weglaufen aufzuhören und mich niederzulassen. Es tut mir leid, dass ich das damals nicht besser wusste und dir das Herz brach. Wir hätten Freunde bleiben können. Wir hätten einander an unseren Leben teilhaben lassen können. Das nehme ich auf mich. Ich hatte keine Geduld mit mir, mit dir, mit der Welt, die sich nicht schnell genug drehen konnte. Heute wünsche ich mir, sie würde etwas langsamer rotieren.

Wir hätten es auf Dauer nicht miteinander ausgehalten, das weiß ich, und ich kann mir nicht vorstellen, dass du das anders siehst. Aber ich wäre – im Nachhinein – gerne länger geblieben. Du hättest mir beibringen können, Ruhe zu finden. Inne zu halten. Auf den Hügel zu steigen und den Ausblick zu genießen. Im Gegenzug hätte ich dir gezeigt, dass nichts bleiben kann, wie es ist. Dass alles Veränderung bedeutet. Du kannst nichts und niemanden festhalten. Hätte ich dir das zeigen dürfen, wärst du weniger verletzt gewesen. Hätte ich mehr Geduld aufgebracht, wir wären mit dem guten Gefühl auseinander gegangen, dass eben alles seine Zeit hat.

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