Es geht ihr schlecht, aber sie will nicht zum Arzt gehen

Die schlimmste Erfahrung, die Thies je in einer Beziehung gemacht hat, war die Ehe mit einer Frau, die chronisch schlecht gelaunt war. Aus diesem Grund wurde die Ehe nach knapp zwei Jahren wieder geschieden.

Vor der Heirat ist es Thies nicht weiter aufgefallen, dass diese Frau ihn mental nach unten zieht. Er kannte sie nur ein paar Monate, bevor er sie gefragt hat, ob sie seine Frau werden möchte. Der Sex mit ihr war bombastisch. Thies war ihr fast hörig, das gab den Ausschlag. Den Rest hat er ausgeblendet. Er fand sie kapriziös und kompliziert, aber auch das war irgendwie sexy für ihn. Nach der Trennung schwor Thies sich, dass für ihn in Zukunft nur eine Frau in Frage kommt, die eine ausgesprochen positive Grundhaltung an den Tag legt. Die fröhlich ist und vital. In Gudrun hat er eine solche Frau gefunden. Sie reißt einen einfach mit, sie reißt Thies mit. Und sie zieht ihn in wirklich jeder Hinsicht an. Sie ist auch im Bett mitreißend. Sie ist überdies klug und gutmütig. Eine Frau zum Pferdestehlen, eine Frau fürs Leben. Thies ist rundum glücklich und sicher, dass diese Partnerschaft für immer hält. Auf Grund seiner schlechten Erfahrung ist er vorsichtig, doch bereits nach einem Jahr zieht er mit Gudrun zusammen.

Es spricht einfach alles für sie

Es beginnt eine paradiesische Zeit für das Paar. Thies kann es nicht fassen, dass sich selbst im Alltag die gute Laune von Gudrun nicht abnutzt. Als das Leben von Thies und Gudrun mehr und mehr von Corona bestimmt wird, für sie Homeoffice ansteht, die Kontakte auf ein Minimum beschränkt werden und das Reisen, das Thies und Gudrun so lieben, sie hat ein Haus auf Mallorca, ausfällt, verändert sich Gudrun. Sie ist lustlos und schlapp, sie hat keinen Appetit mehr, sie schläft schlecht. Sie spricht kaum noch, starrt düster vor sich hin, sie verbreitet eine traurige Stimmung. Das hält jetzt schon zwei Monate an. Thies hätte gedacht, dass ihn eine neuerliche Beziehung mit einer negativen Frau aus der Bahn wirft, was seine Zuneigung angeht, aber Gudrun tut ihm einfach leid. Sein Herz ist voller Liebe und Mitgefühl. Er sieht, dass sie nicht übellaunig ist, weil sie es nicht anders will, sondern weil sie es nicht anders kann. Sie erscheint Thies ernsthaft depressiv. Er fleht sie an, zum Arzt zu gehen.

Er ist in großer Sorge um seine Freundin

„Ich verstehe nicht, warum Gudrun sich weigert, einen Arzt aufzusuchen“, sagt Thies bekümmert. „Das ist das erste Mal, dass wir in einer Sache nicht einer Meinung sind. Mehr noch, dass Gudrun verstockt ist, dass sie keinen Dialog zulässt, sich benimmt wie ein störrisches Kind. Das kommt mir auch deshalb besonders bemerkenswert vor, weil sie doch genau weiß, wie ich auf dauerhaft schlechte Laune reagiere. Ich habe Gudrun etliche Geschichten aus meiner Ehe erzählt, richtige Gruselgeschichten. Gudrun sagte, die seien gleichermaßen zum Lachen wie zum Weinen.

Meine Ex hat mir fast jedes schöne Erlebnis verdorben mit ihren Zicken und Nörgeleien. Sie hat die Atmosphäre verpestet. Ich dachte manches Mal, ich ersticke an ihrer Seite. Gudrun hat eigentlich begriffen, dass ich fast ein Trauma habe aus dieser Zeit und schnell weg bin, wenn mir das noch mal passiert. Und wenn Gudrun sich weigert, ihren Zustand als Erkrankung wahrzunehmen, dann würde es sich ja bei ihr theoretisch auch „nur“ um eine Art von dauerhaft übler Laune handeln, die sie mir zumutet. Insofern legt es Gudrun fast darauf an, dass ich mich von ihr entferne. Wenn sie darauf besteht, dass mit ihr alles in Ordnung ist, dass sie eben einfach eine schwere Zeit hat –wie viele Menschen, die unter den psychosozialen Folgen von Corona leiden – wenn sie demnach seelisch gesund ist, dann könnte ich von Gudrun erwarten, dass sie sich diszipliniert.

Das tue ich nicht

Das erwarte ich nicht von Gudrun, denn ich glaube, sie ist krank. Ich kenne reichlich Leute, die es kaum aushalten können, dass sie zu Hause eingesperrt sind. Ich habe Freunde, die mir davon berichten, meine Kollegen erzählen mir davon, meine Nachbarn. Alle sind weniger gut drauf als vorher, aber niemand ist so schwermütig wie Gudrun. Meine Schwester Sabine ist Psychologin. Ich habe ihr von Gudrun berichtet, ihr die Symptome geschildert. Sabine meinte, es spricht einiges dafür, dass Gudrun depressiv ist, aber es müsste in einem ausführlichen Gespräch mit einem Arzt abgeklärt werden. Unter Umständen würde es Sinn machen, Antidepressiva zu verabreichen, damit Gudrun wieder Licht sieht. Zugleich sei eine begleitende Therapie eine Möglichkeit, psychisch wieder Fuß zu fassen. Ich habe das Gudrun weitergegeben, was Sabine gesagt hat. Gudrun war richtig wütend, dass ich mich mit meiner Schwester über ihren Seelenzustand unterhalte. Sie würde das alles selbst in den Griff bekommen, sagte sie. Sie würde wieder mit dem Laufen anfangen. Ich sollte mal sehen, nach 14 Tagen wäre sie die Gudrun, die ich kenne.“ 


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