Wenn Menschen fürs Kuscheln bezahlen

Körperliche Nähe und Knuddeln gegen Geld? Was stark nach Schmuddel und Rotlicht klingt, ist in Wahrheit eine harmlose, aber erfolgreiche Geschäftsidee

Bekam man als Fünfjähriger seinen Willen nicht, war traurig oder hatte wie die Großen ganz einfach mal einen miesen Tag, gab es doch immer jemanden, auf den man sich stillschweigend verlassen konnte: das liebste Kuscheltier, das jederzeit zu Stelle war, wenn man es brauchte. Egal, ob für ein bisschen Trost, gegen die Angst im Dunkeln oder das Gefühl, allein zu sein – das Gesicht in seinem Plüsch zu vergraben, es ganz fest an sich zu drücken, es zu kraulen und zu herzen, war ein Allheilmittel als Kind. Blöd nur, dass man jetzt erwachsen ist und Plüschtiere auf der Rangliste der schlimmsten Einrichtungstabus ziemlich weit oben stehen. Dabei ist Kuscheln ganz sicher kein Kinderkram, sondern gibt auch uns großen Menschen ein wohliges Gefühl von Geborgenheit, Sicherheit und Wärme.

Kuschelpartner gesucht

Kuscheln ist gesund, besonders dann, wenn man es mit einem anderen Menschen tut. Gerade als unglücklicher Single oder wenn nach einer Trennung alles Innere zerrüttet ist, sind platonische Streicheleinheiten Balsam für Seele, Kopf und Herz. Doch was, wenn den eigenen Freunden in Sachen Körperkontakt eine durchschnittliche Umarmung bereits genug ist und nicht mal die Katze so viel schmusen möchte, wie ihr Besitzer es eigentlich verdient? Dann muss eben ein Plan B her. Oder in diesem Fall eher Plan C: C wie Cuddlist. Die US-Plattform vermittelt stundenweise professionelle Knuddler an kuschelbedürftige Kunden – und das mit Erfolg. Was zunächst nach speckigen Hotelbetten, zwielichtigem Milieu und einer schnellen anonymen Nummer klingt, ist davon in Wahrheit ziemlich weit entfernt. Denn das Angebot ist erklärtermaßen absolut jugendfrei, sexueller Kontakt ausdrücklich unerwünscht und Cuddlist somit selbst im konservativen Amerika vollkommen legal.

Cuddlist – die Knuddelvermittler

Um sich selbst für eine fachmännische Kuschelstunde anzumelden, wählt man zunächst mal seinen Wohnort aus und hat dann die Qual der Wahl: Welcher Knuddler ist der richtige für die eigenen Bedürfnisse, sollte er oder sie Erfahrung in therapeutischer Massage oder doch besser Psychologie studiert haben? Ist die Entscheidung getroffen, muss man selbst noch ein paar Fragen über sich beantworten und ein Telefoninterview bestehen – und schon kann ein Termin vereinbart werden. Macht der Kuschelexperte vorzugsweise Hausbesuche, geht es nun ans regelgemäße Präparieren der Wohnung. Statt in der doch sehr intimen Atmosphäre des Schlafzimmers spielt sich die Cuddlist-Einheit auf dem Sofa ab. Dazu sollte es zuvor mit einem frischen Laken bezogen und auch jedes Kissen in einen sauberen Bezug gehüllt werden. Doch nicht nur für die Schmusewiese, auch für einen selbst gibt es eine vorgeschriebene Kleiderordnung: Die Macher der Plattform empfehlen ihren Kunden für die richtige Entspannung und optimalen Körperkontakt Sweatpants und T-Shirt – die Kuscheluniform.

Und jetzt?

Und plötzlich öffnet man einem wildfremden Menschen die Tür, um ihm wenige Momente später so nah zu sein wie sonst in der Regel nur einem festen Partner. 60 Minuten liegt man dann also auf engstem Raum neben- oder übereinander, Sweatpants an Sweatpants, der Atem des anderen immer in spürbarer Nähe. Man kuschelt in verschiedensten Positionen, bekommt den Rücken gekrault oder die Arme gestreichelt, kitzelt einander die Füße, hält sich minutenlang still im Arm oder drückt seine Wange gegen die des anderen. Bis auf sexuelle Berührungen ist alles erlaubt, was sich gut anfühlt, einen bis zur Schläfrigkeit entspannt, mit Wärme durchflutet oder zum Weinen bringt. Emotionale Staudämme werden mitunter einfach eingerissen – auch das macht menschliche Nähe so heilsam.

Zwischen bizarr und ganz nah

Ist es okay, dieses Konzept ein kleines bisschen verrückt zu finden? Ja, ganz sicher sogar. Rund 80 Dollar für eine Schmusestunde mit einem Unbekannten klingt erstmal ziemlich gewöhnungsbedürftig. Doch wenn es seinen Zweck erfüllt und alle damit glücklich sind, warum denn eigentlich nicht? In den meisten Menschen ist der Wunsch nach einem harmonischen Sozialleben tief  verankert und am Ende suchen wir schließlich doch alle nach Liebe, Akzeptanz und Anerkennung. Wenn aber zwischen gebrochenem Herzen und Alltagsstress kein Raum für tiefgreifende emotionale Verbindungen und körperliche Nähe bleibt, helfen auch 700 virtuelle Facebook-Freunde nicht. Denn nichts auf der Welt kann menschliche Wärme und echte Berührungen ersetzen – selbst, wenn es die eines Fremden sind.

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