Wenn Zwanziger auf Dreißiger treffen – Erfahrungen einer Single-Frau

Jens kreiste um mich herum, war aber zu scheu, um mich von der Herde zu trennen und erneut anzusprechen. Tanja und Tatjana entfernten sich von mir. Jens ergriff die Chance auf ein erneutes Gespräch: „Haschhchshh duuu sasaaalllllssss? Masschhhhhhaa llllluusssssiiiimoooo?“ „Wie bitte?“ Nach einer Stunde hatte er so viel Alkohol getrunken, dass er nicht mal mehr in Lage war, sich halbwegs zu artikulieren? „Haatttschiiiiiiii!“, nieste er laut. Er wischte sich mit dem Arm über die Nase. „Isch würde disch gerneee küschen.“ Er hatte sein Sprachvermögen teilweise zurück. „Nein.“, sagte ich, als er auf mich zukam. Jens streckte seine Hand nach mir aus mit den Worten „dann schöönen Abend noooch“, und kehrte mir den Rücken zu. Kaum hatte er sich umgedreht, war ich auch schon in Richtung Unisex-Toilette verschwunden.

Bye-bye Nummerntausch

Da stand ich nun in der Schlange und konnte es nicht fassen, wie es sich der junge Mann so dermaßen im Sturzflug mit einer Frau versauen konnte. Er stand kurz vor meiner Telefonnummer und jetzt offenbar einige Männer hinter mir, um seine nächste Gelegenheit die Toilette hinunter zu spülen. Bevor ich es dorthin geschafft hatte,  ließ ich mich vom Treiben vor den Männer-Waschbecken unterhalten. Ein Möchtegern-Elvis und sein Kumpel waren offenbar sehr begeistert von ihren Ebenbildern im Spiegel, wischten sich mehrmals mit der rechten Hand von vorne nach hinten durch ihr schwarzes Haar, dann mit beiden Händen gleichzeitig. Ich genoss den hohen Unterhaltungswert während der Wartezeit. „Da sehen die Jungs einen Spiegel und drehen durch“, belächelte der Mann hinter mir kopfschüttelnd die Stylisten. Mir blieb nur, laut zu lachen.

Auf dem Rückweg vom Klo drängelte ich mich über die Treppen zurück. Jens schaute mir in die Augen und behinderte meinen Weg in die Freiheit, ergriff meine Hand. Sein attraktiver Freund Michael nutzte die Gelegenheit und fasste mich an der anderen. Artikulieren war für ihn, trotz seines Pegels, noch möglich, die Loyalität seinem Freund Jens gegenüber war allerdings dahin. Aber der konnte sich am darauf folgenden Tag vermutlich ohnehin an nichts mehr erinnern.

Happy End?

Eine Frau ist bei dem klassischen Mann in den Zwanzigern oft nur ein Spielball, um die eigene Sexualität auszuleben, sich die Hörner abzustoßen. Es gibt zwar Männer, die schon in jungen Jahren Verantwortung übernehmen wollen und können, aber sie sind rar. Außerdem besteht bei ihnen die Gefahr, dass sie im späteren Leben das Gefühl bekommen, etwas verpasst zu haben. Dann doch lieber einen Mann, der die wilde Phase früh in vollen Zügen genossen und dann hinter sich gebracht hat. Bevor wir mit Haus, Kind und Kegel da sitzen und unserem Ehemann mit seiner jungen Sekretärin hinterher schauen.

„Du siehst toll aus. Ich empfinde schnell Lust. Ist das bei euch Frauen auch so? Und ich weiß wie alt du bist, kann das gar nicht glauben, du siehst jünger aus. Was für einen Mann suchst du?“, fragte mich Michael zwischen Klo und Tanzfläche. „Einen netten Kerl und Gentleman mit Sexappeal.“ Da ich die ersten beiden Faktoren, trotz seiner freundlichen Art, nicht bei ihm zu finden glaubte, verabschiedete ich mich und trat gegen vier Uhr morgens meinen Nachhauseweg an. Nach hundert durchzechten Nächten und wilden Zeiten könnte er möglicherweise eine gute Partie abgeben. Vielleicht gehe ich bald nochmal mit meinen Mädels in den Candy Shop. Nur so zum Gucken, nicht zum Naschen.


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