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„Du willst es doch auch!“

Seine eigene Attraktivität richtig einschätzen – das ist gar nicht so leicht! Sehr häufig vertun sich dabei Wissenschaftlern zufolge insbesondere die Männer

Samstagnacht in einem Club. Die Bässe wummern, die Leiber der tanzenden Masse biegen sich im Rhythmus der Musik, schwingen hin und her. Hände werden in die Luft gestreckt; einige singen mit, manche tanzen im Kreis, andere alleine für sich. Die Stimmung ist ausgelassen. An die Bartheke gelehnt, am Rande der Tanzfläche, stehen ein paar junge Männer. Jeder von ihnen trägt ein schickes Hemd und hält eine Bierflasche in der Hand. Sie wirken lässig, schauen den Tanzenden zu, mustern die Körper der Frauen. Immer wieder dieselbe Abfolge: Der Blick bleibt zunächst an einem musikbewegten Hintern hängen, wandert über die Hüften zum Gesicht und wieder hinab zum Busen, bis die Nächste ins Visier genommen wird …

Vom Casanova zum Panda

Unterstellen wir einmal, dass die meisten von ihnen nicht hergekommen sind, um am Ende der Nacht ohne eine neue Nummer nach Hause zu gehen. Sollte sich jetzt wirklich einer von ihnen von der Theke lösen können und einen Flirt starten, kommt es kanadischen Wissenschaftlern zufolge zu einem interessanten Phänomen: In der Regel werden die (heterosexuellen) Männer das sexuelle Interesse einer Frau an ihnen grandios überschätzen. Sollte aus dem Flirt aber mehr werden, kommt es im Laufe der Beziehung gewissermaßen zu einem Komplementärphänomen: Das sexuelle Interesse der Partnerin wird zunehmend unterschätzt. Man kennt in diesem Zusammenhang das Klischee vom Möchtegern-Casanova, der in einer Beziehung langsam zum kuschligen Panda-Bären wird, weil er denkt, dass sich seine Partnerin längst aus der Welt des Lustvollen verabschiedet hat.

Zusammengefasst: Als Single und am Anfang einer Beziehung wittern Männer tendenziell ein großes sexuelles Interesse an ihrer Person; in einer Beziehung dreht sich der Spieß dann aber um. Natürlich handelt es sich hierbei um Aussagen, die den Durchschnitt betreffen, nicht den Einzelfall.

Ist Selbstüberschätzung immer schlecht?

Zugegeben, das hört sich etwas ernüchternd an. Wie ein Pendeln zwischen Großmaul und Schlafpille – Männer als eine wahrnehmungsgestörte „Gattung“. Wenn man länger darüber nachdenkt, macht das Ganze aber durchaus Sinn. Stellen Sie sich bloß einmal vor, ein Mann würde beim Flirten fest davon überzeugt sein, dass er selbst bestenfalls sexuell durchschnittlich attraktiv ist und dass jede Frau, der er im Laufe eines Abends begegnet, absolut kein Interesse an ihm hat. Die Folge wären womöglich gehemmte und (noch) verunsicherte(re) Männer. Wahrscheinlich wäre die Menschheit in einigen Jahrzehnten ausgestorben. Auch nicht schön.

Ein wenig Selbstüberschätzung kann durchaus positiv sein (und ein bisschen mehr „Realismus“ ist später für eine Beziehung auch nicht das Schlechteste). Hinzu kommt: Ein positives Selbstbild kann wie eine selbsterfüllende Prophezeiung wirken und somit für beide Seiten vorteilhaft sein. Natürlich sollten dabei aber bestimmte Grenzen nicht überschritten werden. Zum einen, weil Selbstüberschätzung leicht zu übergriffigem Verhalten führt – etwa dem sprichwörtlichen „Du willst es doch auch“ –, zum anderen, weil sie in extremen Formen einfach lächerlich wirkt.

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Über den Autor/die Autorin

André Martens

André Martens ist Philosoph und Psychologe. Er schreibt leidenschaftlich gern - nicht zuletzt über die Liebe. Ob wir uns diesem Phänomen mit Worten tatsächlich annähern können, ist seine große Lebensfrage. Und solange er die Antwort nicht kennt, schreibt er fleißig weiter.