Ein Plädoyer für die rosarote Brille

Objektivität gibt es nicht und jede Wahrnehmung ist nur ein Konstrukt. Gastautorin Juliette Boisson über die Art, wie wir unsere Beziehung erleben

Sie waren hoffentlich schon alle einmal verliebt. Wir tragen dann die rosarote Brille – jenen Hormoncocktail, der uns die Verliebtheit beschert und unseren Blick verändert: Er oder Sie scheinen perfekt, liebenswert, besonders, der Deckel für den Topf…

Sie kennen sicherlich auch die Erfahrung, dass sich dies im Laufe der Beziehung verändert und sogar ins völlige Gegenteil verkehren kann. Wir denken dann, dass wir die rosarote Brille abgelegt haben und unser Blick auf den anderen durch die fehlenden Hormone weniger vernebelt und somit realistischer ist.

Von Anfang bis Ende einer Beziehung setzen wir verschiedene Brillen auf: Wir fangen mit der rosaroten an und enden möglicherweise mit der schwarzen. Wer frisch verliebt ist, wird den Partner anders wahrnehmen als jemand, der gerade sehr vom Partner verletzt worden ist.

Aber was davon ist jetzt eigentlich wahr? Ist der Partner bewundernswert und einzigartig oder unfähig eine Beziehung zu führen? Vielleicht beides? Vielleicht keines der beiden? Fest steht jedoch, dass wir in beiden Fällen nicht objektiv sind.

Beziehungen gestalten sich durch Sichtweisen und nicht durch eine Objektivität. Die Suche nach der einen Wahrheit wird scheitern, weil beide Partner subjektiv agieren und sich die eigene Wahrnehmung oder Wahrheit im Laufe der Beziehung auch verändert.

Diese Ideen stammen untern anderem von Paul Watzlawick, einer der Begründer des Konstruktivismus.

So nutzen Sie die rosarote Brille für Ihre Partnerschaft

  • Die Objektivität, Wahrheit, Realität ist belanglos, weil wir beide als Partner nicht aus der Objektivität heraus handeln und fühlen sondern aus unserer persönlichen Sichtweise.
  • Statt über „Richtig“ und „Falsch“ , „Opfer” und „Täter“, „Schuld“ und „Unschuld“ zu streiten, suchen Sie Verständigung der unterschiedlichen Sichtweisen. Kultivieren Sie den Respekt vor der Wirklichkeit des anderen. Seine oder ihre Sichtweise ist ebenso berechtigt und legitim wie Ihre.
  • Unser Erleben an Emotionen, Stimmungen und Gedanken hängt von der Bewertung eines Ereignisses ab. Ändere ich meinen Blickwinkel auf etwas, wird sich auch mein Erleben ändern.
  • Jeder Partner ist für seine Gefühle und Wahrnehmungen verantwortlich. Weil wir unsere Wahrnehmung selber schaffen, können wir unseren Partner schlecht für eben diese anklagen. Statt den anderen für unsere unangenehmen Gefühle in die Verantwortung zu ziehen, können wir uns fragen: Was in mir gibt mir Anlass so wütend oder traurig zu sein?

Nutzen Sie die konstruktivistische Brille für Ihre Beziehung und für sich selbst! In der Arbeit mit Paaren merke ich immer wieder, dass dieser Blick auf die Dinge Probleme auflösen kann und uns menschlicher und weicher dem Partner gegenüber werden lässt!

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