Als ich wiederkam, warst du bereits gegangen

Unsere anonyme Autorin vermisste ihn. Jeden Tag. Manchmal ein bisschen weniger, manchmal ein bisschen mehr. Aber nie zu wenig, um ihn gehen zu lassen … bis er selbst gegangen ist

Vielleicht war das zwischen uns nicht normal, weil du so viel älter oder ich so viel jünger war, aber es war besonders und das wussten wir beide ganz genau. Und oh, wir schätzten es so sehr. Wir liebten und lebten es: Jedes Wochenende, an dem wir unendlich viel Zeit verbrachten, ohne dass es nur um das eine ging, auch wenn es immer darauf hinauslief. Jeden Abend, an dem wir stundenlang der Abendsonne entgegen fuhren und das Herz vom Bass der Musik kontrollieren ließen, wir durch den Rückspiegel intensive Blicke austauschten und uns heimlich berührten. Jede Nacht, in der wir uns in ein Bett drängten, uns eine Decke und ein Kopfkissen teilten, auch wenn einer von uns am nächsten Morgen immer ohne Decke und Kissen aufwachte (meistens du). Jede einzelne Minute, in der wir uns liebten, weil es schwer war, das nicht zu tun.

Ein Telefonat, ein Schrei und mein Winseln in die leere Leitung

Die Stimmung war angespannt. Wir hatten uns jetzt eine ganze Zeit lang nicht gesehen, ich war in eine andere Stadt gezogen, weil ich dort ein Studium begann und du warst dort geblieben, auf dem Dorf, wo es mir noch nie gefiel. Es war auch nie Thema, dass du mitkommst, denn wir beide wussten, dass es für dich unmöglich war, das traute Heim, indem du schon eine halbe Ewigkeit lebtest, zu verlassen. Du warst ein Gewohnheitstier. Und in deinem Alter bricht man keine Gewohnheiten mehr.

Ich erkannte die Unsicherheit in deiner Stimme direkt in dem ersten Ton, den du durch den Hörer flüstertest, als hättest du Angst, jemand würde dich belauschen. Dieses Mal versuchte ich meine Worte besonders sicher, besonders stark klingen zu lassen, um dir Sicherheit zu geben. Doch deine Stimme wurde mit jedem Wort leiser, zittriger, bis ich dich kaum noch verstand. Dreimal bat ich dich, den letzten Satz zu wiederholen, zweimal wiederholtest du ihn, bis ich ihn beim dritten Mal verstand: Du warst krank. Zuckerkrank. Ich sollte zurückkommen, bei dir sein. Ich weiß bis heute nicht was es war, vermutlich ein Reflex, denn ich entgegnete dir ein laut schreiendes „Nein“ und du legtest auf. Zurückgelassen in der leeren Leitung, begann ich zu winseln wie ein Hund, der nach seinem Herrchen ruft.


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Wie weit kann ich gehen? Unsere anonyme beziehungsweise-Leserin hat sich auf einen Mann eingelassen, dessen Forderungen immer mehr ihre Grenzen überschreiten. Dennoch kann sie sich nicht lösen. Sie macht mit und leidet. Bis endlich ihr Widerstand groß genug wird