Nach dem Tod der großen Liebe: Wie viel Trauer ist normal?

Seine Partnerin starb unerwartet nach 24 gemeinsamen Jahren. Seit Jahren nun trauert er – wird er jemals wirklich abschließen können? Eine Liebesgeschichte, die das Herz rührt, aufgeschrieben von beziehungsweise-Autorin Birgit Ehrenberg

Seine Erinnerung lässt ihn nicht los

Michael erzählt sich selbst und anderen immer wieder seine Liebesgeschichte mit Hanna, er kann nicht aufhören, die einzelnen Stationen zu beschreiben, der erste Kuss, die Hochzeit, die Reisen nach Afrika. Beide liebten dieses Land. Dann die Enttäuschung, dass sie keine Kinder haben können, die Überlegung, ob sie Kinder adoptieren, die Entscheidung dagegen und die bewusste Entscheidung dafür, zu zweit ihr Leben in vollen Zügen zu genießen, die gemeinsamen Interessen, die Verbundenheit über die Arbeit.

Michael hat sich nach dem Studium als Therapeut selbständig gemacht und Hanna arbeitete in einem Krankenhaus als Kinderpsychologin. Das Paar führte eine echte Bilderbuchehe, das sagten und sagen alle. Man sah sie stets Hand in Hand, oft hatten sie nur Augen füreinander. Sie waren nach über 20 Jahren Ehe noch verliebt, selten ist das, man erlebt das manchmal bei Eheleuten, die keine Kinder haben, die ganze Liebe geht in die Zweisamkeit.

Wie furchtbar, dass Hanna mit Anfang 50 sterben musste, ein Schicksalsschlag, aber das Leben geht weiter. Das denkt Michaels Umfeld. Das Leben geht auch weiter für ihn, allerdings auf eine andere Weise als viele sich ein Leben, das weitergeht, vorstellen.

Michael hat sich zurückgezogen, er mag keinen Besuch, er besucht nicht gern, er ist am liebsten allein, er flüchtet an die Orte, an denen er mit Hanna häufig gewesen ist. Er fährt ans Meer und sitzt im Strandkorb, er liest Bücher, die er gemeinsam mit ihr gelesen hat, sie haben sich oft gegenseitig vorgelesen, er schaut sich zum x-ten Mal Filme an, die sie und er schätzten, und er kocht sich die Gerichte, die sie beide am liebsten mochten. Michael hat ihre Kleider noch im Schrank, ihr Parfum steht im Badezimmer. Michael existiert nur in der Vergangenheit, das ist die einhellige Meinung. Ein Schatten. Ein Schatten? Michael fühlt sich präsent.


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