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Alles ist besser als noch ein Tag mit dir

Als seine Frau ihm diesen Satz an den Kopf wirft, bricht für Jan Fleischhauer eine Welt zusammen. Von einem Tag auf den anderen scheint alles verloren, worauf bis eben das gemeinsame Leben gründete. Ein Buchauszug

Der Moment der Wahrheit traf mich völlig unvorbereitet. Das sagt bereits viel über den Stand unserer Ehe. Meine Frau würde vermutlich versagen: Es sagt nahezu alles. Es war Mai, einer der ersten warmen Tage, eigentlich die richtige Zeit, um durch einen Park zu gehen und lang vermisste Gefühle neu zu entdecken.

Wir saßen in der Praxis eines Paartherapeuten, der uns empfohlen worden war, ein junger, aufstrebender Psychologe in einem der besseren Teile von Berlin-Tempelhof, wo sich Altbau an Altbau reiht. Er kam uns auf Socken entgegen, die in fröhlichen Ringelfarben gemustert waren. Bevor er sich uns zuwendete, goss er noch schnell seine Zimmerpflanzen. Ich hasste ihn gleich aus ganzem Herzen, den Typen noch mehr als die Pflanzen. Ella ging es genauso, wie sie mir später gestand. Immerhin, so weit reichte unsere Übereinkunft an diesem Tag noch.

Ich hatte mich ein paar Wochen zuvor um den Termin bemüht. Dass unsere Ehe nie ganz einfach gewesen ist, habe ich bereits gesagt. Solange sich die Phasen offener Kriegsführung mit friedlicheren Zeiten die Waage hielten, konnte man damit leben. Aber in letzter Zeit hatten sich die Gewichte verschoben. Die Streitigkeiten währten länger, und wenn sie endeten, blieb ein Groll zurück, der jederzeit wieder angefacht werden konnte, weil die Grollglut nie mehr ganz erlosch.

Außerdem hatten wir zum ersten Mal getrennte Schlafzimmer. Eines Abends hatte Ella verkündet, dass sie die Nacht auf einer Matratze in ihrem Arbeitszimmer verbringen werde. Ich hätte zu schnarchen begonnen, und sie brauche ihren Schlaf. Wer des Schnarchens verdächtigt wird, ist gut beraten, sich auf keine Diskussion einzulassen, auch wenn er Zweifel an der Stichhaltigkeit des Vorwurfes hegt.

Wie will man beweisen, dass man die ganze Nacht in Wahrheit ruhig wie ein Baby schlummert? Indem man jemand Unabhängigen bittet, ein Schlafprotokoll zu führen? Oder indem man sich selbst auf Tonband aufnimmt, um die Behauptung zu widerlegen? Aber dann müsste man den anderen dazu bringen, mit einem anschließend das Beweismaterial abzuhören, damit er einsieht, dass nichts war. Das Nichtereignis ist schwer zu dokumentieren, das ist die Crux aller Präventionsarbeit.

Aus einer Nacht in getrennten Betten war eine Woche geworden. Dann ein Monat, schließlich ein halbes Jahr. Ich hatte den veränderten Schlafbedingungen zunächst keine Bedeutung beigemessen. Aber als der Zustand anhielt, war klar, dass etwas grundsätzlich im Argen lag.

Es heißt, dass Sex generell überschätzt wird. Aber kein Sex ist auch keine Lösung, wie ich nur sagen kann. Wenn ein Paar aufhört, miteinander zu schlafen, dann ist Gefahr im Verzug.

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Über den Autor/die Autorin

Jan Fleischhauer

Jan Fleischhauer, geboren 1962 in Hamburg, studierte Literaturwissenschaft und Philosophie. Seit 1989 gehört er der Redaktion des "Spiegel" an, zunächst als Büroleiter in Leipzig und Berlin, später als Amerika-Korrespondent. Fleischhauer lebt in München.