“Wir beide, vielleicht” – Buchtipp

Alle Hitzehasser und Sonnenverächter freuen sich – mit dem dieswöchigen Herbstanfang steigen die Chancen auf Schmuddelwetter und gemütliche Couchabende. Alles, was es dafür noch braucht, ist Lesestoff

Kemper Donovan – Wir beide, vielleicht

Richard und Elizabeth sind beide um die 30 und leben in L.A.,  ansonsten haben sie wenig gemeinsam. Während der chaotische Richard sich als Filmproduzent gerade so über Wasser hält, arbeitet die smarte Elizabeth erfolgreich als Anwältin. Kein Wunder, dass sie sich bisher nie begegnet sind. Das ändert sich, als ein unbekannter Gönner ihnen je 500.000 Dollar verspricht. Einzige Bedingung: Sie müssen sich ein Jahr lang einmal pro Woche treffen. Ihr Plan: Sie ziehen die 52 Dates durch, jeder sackt seine halbe Million ein und geht danach wieder seiner Wege. Noch ahnen sie beide nicht, wie sehr diese Begegnungen ihr Leben verändern sollen …

Klingt spannend? Dann finden Sie hier eine kurze Leseprobe.

Das Meeting

Noch vor grauen Haaren, Krähenfüßen, Rückenschmerzen oder nachgebenden Knien gibt es ein klassisches Anzeichen für das Altern, das so früh auftaucht, dass seine jung(geblieben)en Opfer eher erstaunt als alarmiert darauf reagieren, wie es eigentlich vonnöten wäre. Und so erwachte Richard Baumbach ein paar Wochen nach seinem neunundzwanzigsten Geburtstag in einem Zustand des Erstaunens: Seit wann fiel der Kater am Tag danach dermaßen heftig aus?

Er hob ein zu einem Tau verdrehtes Bettlaken von seiner nackten Brust, legte es mit einer Behutsamkeit neben sich, die normalerweise für die zarteren Gäste seines Betts reserviert war, und nahm innerlich Anlauf, um sich gleich in die Vertikale aufzurichten. Los geht’s, dachte er. Das schaffst du. Komm schon. 1, 2, 3 … los!

Nichts bewegte sich außer seinem Hirn, das unentwegt gegen seinen Schädel hämmerte.

Er versuchte, sich die leuchtend grüne Brita-Karaffe in der Tür seines Kühlschranks vorzustellen: das kühle, erfrischende Wasser darin. Aber allein der Gedanke an die Helligkeit bewirkte, dass seine Augäpfel sich in ihre Höhlen zurückzogen wie Einsiedlerkrebse in ihre Schale zurückschnellen, und ihm drehte sich der Magen um bei der Vorstellung von irgendetwas Grünem. Er wandte sich gedanklich dem Aspirin zu, das in seinem Medizinschränkchen auf ihn wartete: weiß, harmlos, das Ende seiner Misere versprechend. Zwei Tabletten waren die empfohlene Dosis, aber bei dieser Hindenburg von Kopfschmerzen würde er sich vier genehmigen … wenn es ihm gelänge, aufzustehen.

Ein Klacks, redete er sich ein. Babyleicht. Nur dass er sich schwer und alt fühlte. Steh. Auf. Jetzt!

Einen glorreichen Moment lang verschwand die pulsierende Empfindung in dem wuuuschsch der Aufwärtsbewegung, und er begann, an Wunder zu glauben: Seine Kopfschmerzen waren weg; er war geheilt! Dann berührten seine Füße den Boden, und sein Kopf kam zum Stehen, was eine Reihe feuriger Explosionen auslöste, die er – selbst inmitten der Schmerzen – geneigt war, mit einer aufsteigenden Sequenz aus einem der Actionfilme der Neunziger zu vergleichen, die er regelmäßig auf seinem Festplattenrecorder laufen ließ. An seinen Festplattenrecorder zu denken verstärkte den Schmerz allerdings nur noch, und während er in das Badezimmer schlurfte, steigerte sich seine Grimasse von leichten Zahnschmerzen zu einer sauren Zitrone. Erst gestern war der Kabelmann auf seine Bitte hin gekommen, um alles mitzunehmen, inklusive seines geliebten Festplattenrecorders. Er hatte jetzt kein Wi-Fi mehr, und in einem Anfall von Märtyrertum hatte er sogar sein Netflix-Abo gekündigt, das er vermutlich noch mithilfe seines Laptops in Cafés hätte nutzen können. Aber er hatte entschieden, dass die acht Dollar im Monat acht Dollar waren, die er sich angesichts seiner Kreditkartenabrechnung nicht mehr leisten konnte, laut der die Miesen in den letzten Monaten nicht nur langsam angewachsen, sondern regelrecht gewuchert waren.

Richard schüttete sich sechs Aspirin in die zitternde Hand, schluckte die Pillen und trank ein paar Schluck Wasser direkt aus dem Hahn (Scheiß auf die Brita). Für jemanden, der angeblich für Film und Fernsehen arbeitete, war es mehr als ein bisschen kränkend, zu Hause keine Filme mehr sehen zu können. Aber soweit war es jetzt mit seinem Leben gekommen. Er ließ sich auf die Couch fallen, mit dem Gesicht nach unten, wie eine Leiche. Es waren Gedanken wie diese, die am gestrigen Abend mit seinem »Geschäftspartner« Keith zu mehreren Runden selbst gemixter Cocktails geführt hatten. Sie hatten erst vor Kurzem begonnen, die Anführungszeichen hinzuzufügen, und als Keith mitten am Abend darauf hingewiesen hatte, dass sie ja geradezu eine Mitleidsparty für sich selbst feierten, hatte Richard so getan, als würde ihn das amüsieren.

Er drehte seinen Kopf zur Seite und musterte die Flasche Bombay Sapphire, die noch ungeöffnet auf seinem Couchtisch stand. Et tu, Bombay?, fragte er sie stumm, unfähig, selbst in dieser depressiven Stimmung seiner Schwäche für schlechte Wortspiele zu widerstehen, die beinahe so heftig war wie seine Schwäche für Gin Tonics und für hirnverbrannte Pläne – wie der, seine eigene Produktionsfirma zu gründen, obwohl ihn dafür nichts auszeichnete als sein (vermeintlicher) Verstand und sein jugendlicher Wagemut.

Vor drei Jahren hatten er und Keith ihre Jobs als bessere Assistenten für einen angesehenen Filmproduzenten hingeschmissen, um auf eigenen Pfaden zu wandeln, und Richard fürchtete, dass »wandeln« genau das war, was sie derzeit taten. Wenn sie nicht beide von zu Hause aus arbeiteten, trafen sie sich zu langen »Meetings« in einem Coffee Bean im Valley, so wie all die anderen arbeitslosen Schriftsteller, Schauspieler und Produzenten, deren unregelmäßige Arbeitszeiten dafür sorgten, dass L.A.s weltberühmter Verkehr sich nie auf ein paar simple Stoßzeiten am Tag beschränkte.

Schon richtig, sie hatten ein paar Fortschritte erzielt: »Zwei Typen – eine Firma« hatte ein paar Drehbücher für Spielfilme verkauft, ein oder zwei Skripte für Pilotsendungen. Aber trotz beachtlicher Umtriebigkeit blieb das so sehr ersehnte grüne Licht, mit der Produktion beginnen zu können, in der Ferne, eine Fata Morgana, immer knapp außer Reichweite. Und solange sie nicht bei ihm angelangt waren, würde auch kein Geld reinkommen.

Keiths Eltern unterstützten ihren Sohn jetzt schon seit einer guten Weile, aber Richard konnte seine Eltern nicht nach Geld fragen, das sie nicht besaßen, vor allem nicht, weil er Angst hatte, dass sie trotzdem versuchen würden, ihm welches zu geben. Inzwischen hatte er auch die Ersparnisse aus seinem letzten Job aufgebraucht; er hatte sogar seinen peinlich winzigen Dispo ausgeschöpft. Es war an der Zeit, wieder ein Rädchen im Getriebe eines anderen zu werden – doch die Große Rezession hatte Hollywood genauso getroffen wie jede andere Industrie, und er war sich nicht mal sicher, ob er einen so guten Job finden könnte wie den, den er vor drei Jahren aufgegeben hatte.

Würde er im Coffee Bean im Valley arbeiten müssen? Vielleicht würde er auch dorthin umziehen, das schicke Silver-Lake-Viertel aufgeben müssen, das er so sehr liebte? Erste-Welt-Probleme, ermahnte er sich. Und trotzdem waren es reale Probleme, seine Probleme, denn er war nicht bereit, den Traum aufzugeben, den er vor zwanzig Jahren unter seiner Star-Wars-Bettdecke geträumt hatte, in den Suburbs von Boston.

Richard setzte sich auf, ermutigt von den Aspirin, die in seinem Körper zu wirken begannen, aber auch von dem Segen seines angeborenen Optimismus. Wen kümmerte es schon, wenn er eine Weile in einem beschissenen Job schuften musste? Er würde tun, was getan werden musste; er würde wieder auf die Füße kommen. Jedes Mal, wenn er über seinen fortwährenden Kampf nachdachte, ein erfolgreicher Hollywood-Produzent zu werden, dauerte es nicht lang, bis dieser Kampf der Training-Montage aus Rocky glich (aus jedemRocky-Film, auch wenn er die aus Rocky IV bevorzugte). Jetzt stellte er sich vor, wie er irgendeine rückenbrechende körperliche Arbeit leistete, in der Baumstämme involviert waren oder Betonplatten oder reichlich Dreck und Schmiere im Gesicht. Er stellte sich vor, wie er vor Sonnenaufgang aufwachte (es zählte nicht, dass das noch nie im Leben passiert war, nicht ein einziges Mal), die harte Arbeit eines Tages leistete und dann, spätabends, mit seinem getreuen Geschäftspartner konferierte, zu rechtschaffen und erschöpft, um das Geld auszugeben, das sich – langsam, aber sicher – auf seinem verwüsteten Bankkonto ansammelte. Jede Woche überprüfte er seine Einnahmen online – nein, vergiss das, er würde in bar bezahlt werden –, und jeden Freitag sah er zu, wie der Stapel an Dollarscheinen wuchs, Woche für Woche höher wurde, erst langsam, dann schneller, bis aus dem Stapel ein Turm geworden war, so hoch, dass er umkippte und die Scheine nur so herumwirbelten, bis sie in einem nahtlosen Smash Cut zu dem Konfetti auf der Premierenparty von seinem und Keiths ersten Film wurden, zu dem er alle seine Kumpel vom … Säge- oder Betonwerk einladen würde. Und wenn er den Bankettsaal betreten würde, würden sie ihm zujubeln, in ihre roten und schwieligen Hände klatschen, und es würde vielleicht sogar ein paar Männertränen geben, während sie ihn auf ihre Schultern hoben und er hinabsah auf die erstaunte Welt und strahlte.

Wenn genau in diesem Augenblick ein übernatürliches Wesen mit der Fähigkeit zur Teleportation und Hellseherei angerauscht gekommen wäre und verkündet hätte, dass am Ende der Woche Richards Geldsorgen verschwunden wären, dann hätte er sich erstens ein Paar Hosen angezogen, denn in diesem Moment trug er nur Boxershorts und war entsprechend ganz und gar nicht gesellschaftsfähig. Zweitens hätte er Unglauben vorgetäuscht, wobei er allerdings, drittens, heimlich gedacht hätte, dass es natürlich wahr war, dass es wahr sein musste. Denn mit neunundzwanzig war er immer noch unschuldig genug zu glauben, ihm würde nur Gutes widerfahren, in einem Leben, das sich endlos vor ihm auszubreiten schien.

Richard sprang von der Couch auf, und diesmal blieb das Wunder ihm treu: Die Kopfschmerzen waren weg, sein Magen hatte sich wieder beruhigt. Er zog sein Handy aus dem Haufen dreckiger Klamotten hervor – und heulte auf, als er sah, wie spät es bereits war. 12:45, verdammt. In weniger als zwei Stunden hatte er ein Meeting. Zeit, den Tag zu beginnen.

»La Máquina!«

Elizabeth Santiago sah von ihrem Schreibtisch auf und unterdrückte nur mühsam das intensive Bedürfnis, die Augen zu verdrehen. Vom Flur draußen zeigte ein muskulöser Mann in Hosenträgern auf sie. Sie starrte auf seinen perfekt manikürten Fingernagel.

»Zeit fürs Mittagessen!«

Himmel, nein. Sie drehte den Kopf in Richtung der Thermotasche, die auf einem der Stühle vor ihrem Tisch stand.

»La Máquina schlägt wieder zu«, bellte der Mann und schüttelte grinsend den Kopf. Elizabeth grinste zurück, wobei sie versuchte, sich nicht auf das gegelte Rhinohorn aus Haar zu konzentrieren, das oben auf seinem Kopf glänzte. Er war im vierten Jahr, oder? Wie hieß er noch mal? Jake? Jack? Jock? Warum war sie nur so verdammt schlecht mit Namen?

Aber auch egal, er ging schon weiter.

»La Máquina, La Máquina, La Máquina!«

Er hörte sich an wie Speedy Gonzalez, wenn er arriba arriba, ándale ándale! rief. Als seine Stimme verklungen war, erlaubte sich Elizabeth das Augenverdrehen, das sie zuvor unterdrückt hatte. Sie sah auf den unteren Rand ihres Bildschirms: zwei Stunden, 26 Minuten und 41 Sekunden waren vergangen, seit sie begonnen hatte, das drei Zentimeter dicke Dokument, das jetzt verstreut auf ihrem Schreibtisch lag, zu bearbeiten, und sie hatte nicht ein einziges Mal hochgesehen. Kein Wunder, dass alle sie La Máquina nannten (Spanisch für »Die Maschine«). Anfangs war es ein Spitzname gewesen, den ihre Kollegen nur hinter ihrem Rücken verwendet hatten, weil sie auf die höchste Stundenzahl kam, die eine Mitarbeiterin im ersten Jahr bei der Firma je fakturiert hatte, und zwar weltweit. (Fürs Protokoll: 3.352. Was krankhaft war. Und nicht aufrechtzuerhalten.) Irgendwann in ihrem zweiten Jahr hatte sie durch ein cc versehentlich davon erfahren, und sie hatte nur ein paar Sekunden über das Für und Wider nachdenken müssen, bevor sie eine gut gelaunte Antwort schrieb und mit »La Máquina« unterzeichnete. Alles gut. Aber von da an hatte sich der Spitzname wie ein Lauffeuer verbreitet, bis alle Anwälte in allen Abteilungen und selbst ein paar Klienten ihn verwendeten.

Sie klickte den Timer am unteren Rand ihres Bildschirmes aus. Ein paar Leute verdächtigten sie, ihre Stundenanzahl bewusst aufzublähen, weshalb sie besonders penibel auf ihre Arbeitszeiterfassung achtete. Ein durchschnittlicher Firmenanwalt verbrachte für zwei fakturierte Stunden ungefähr drei Stunden im Büro. Dieses Größenverhältnis rechnete normale menschliche Aktivitäten ein, wie sich mit seinen Kollegen zu unterhalten, im Internet zu surfen, Mittag zu essen und auf die Toilette zu gehen. Aber während eines Zehn-bis-zwölf-Stunden-Arbeitstags fakturierte sie in der Regel neun bis zehn Stunden. Sie war immer höflich, aber nie freundlich; meistens brachte sie sich ihr Mittagessen mit, statt mit den anderen in der Anwaltskantine zu essen; sie machte es sich sogar zur Gewohnheit, tagsüber nicht zu viel Flüssigkeit zu sich zu nehmen, um so ihre Toilettengänge auf zwei zu begrenzen: einer am Vormittag, einer am Nachmittag. Nach diesem ersten Jahr gelangte sie nie wieder über dreitausend Stunden, aber sie erreichte regelmäßig eine Zahl im hohen Zweitausender-Bereich.

Elizabeth wusste, dass sie riskierte, sich Feinde zu machen, indem sie gleich doppelt sündigte: indem sie ihre Kollegen auf Abstand hielt und sie überflügelte. Deshalb ertrug sie ihren Spitznamen. Er half ihr, ihr Anderssein zu neutralisieren, das nicht so sehr von ihrer mexikanischen Herkunft herrührte, als von ihrer stählernen Reserviertheit, ihrer roboterhaften Fähigkeit, den Lärm auszublenden, den andere so verführerisch fanden. Sie war einfach nur »La Máquina«, die merkwürdige Latina, die für sich blieb und deren soziales Leben ein Mysterium war, aber die mehr als nur ihren Beitrag leistete im Mergers und Aquisitions Department von Slate Drubble & Greer. Sie war ein Teil der Familie geworden, selbst wenn sie die exzentrische unverheiratete Tante war, die für sich blieb, eine »merkwürdige Schachtel«, wie der originelle Urgroßenkel der Drubbles es einmal betrunken auf einer Feierlichkeit gesagt hatte, während er ihr etwas zu nahe kam. Und nach achtjähriger Mitarbeit war es ihr praktisch garantiert, dass sie irgendwann nächstes Jahr im Alter von nur dreiunddreißig Jahren zur Partnerin ernannt werden würde. Alles, was sie dafür tun musste, war, weiter zu lächeln oder zu nicken oder zu winken, wann immer ihre Kollegen sie mit diesen zwei magischen Wörtern belegten, über die sie sich genauso gut bei der Personalabteilung beschweren könnte. Gute alte La Máquina.

Elizabeth schloss die Tür und griff auf dem Rückweg zu ihrem Schreibtisch nach der Lunchtüte. Man erwartete von ihr, dass sie ihre Tür offen ließ, es sei denn, sie hatte ein Meeting, aber sie sagte sich, dass das Mittagessen so etwas wie ein Meeting war – Essen trifft Mund –, und schloss die Tür für die fünf Minuten, die sie damit verbrachte, in sich aufzunehmen, was immer sie von zu Hause mitgebracht hatte. Heute hielt sie sich allerdings etwas länger mit ihrem Erdnussbutter-Marmelade-Sandwich auf und starrte auf das schreckliche Gemälde hinter ihrem Schreibtisch, ein cartoonartig vereinfachtes Porträt einer wütend dreinschauenden aprikosenfarbenen Karrierefrau in einem Achtziger-Jahre-Hosenanzug, den einen Ärmel bis zum Ellbogen hochgeschoben, damit sie ihren absurd überdimensionalen Bizeps spielen lassen konnte. »Wir können es schaffen!«, kläffte die Frau mittels einer neongelben Sprechblase über ihrem Kopf. Es war eine Anspielung auf das berühmte Bild des Zweiten Weltkrieges, das oft fälschlicherweise mit Rosie the Riveter in Verbindung gebracht wurde, und auch Amber Hudson hatte es so bezeichnet, als sie es Elizabeth mit großem Tamtam übergeben hatte.

Amber war Elizabeths inoffizielle Partner-Mentorin, eine Frau, die ohne die geringste Spur von Ironie Phrasen wie »alles gleichzeitig hinbekommen« und »du schafft das, Mädchen!« von sich gab, und auch wenn Elizabeth dieses hässliche, irritierende Bild nie selbst ausgesucht hätte (es sah aus wie das Werk eines Achtklässlers), hatte sie es unmöglich ablehnen können. Wenn sie erst einmal Partnerin war, würde sie ganz allein entscheiden, wie sie ihr Büro einrichten würde.

Um 14:30 hatte sie ein Meeting mit einem anderen Anwalt, was an sich nichts Besonderes war, nur dass sie den Anwalt oder seine Firma nicht kannte und man ihr mitgeteilt hatte, dass das Treffen »privater Natur« sei. Als sie weitere Informationen erbeten hatte, hatte man ihr gesagt, dass bei dem Meeting alles offengelegt werden würde. Elizabeth mochte Überraschungen nicht, weswegen sie sich darangemacht hatte, in der Kürze der Zeit so viel wie möglich herauszubekommen.

Sie wusste, dass Jonathan Hertzfeld Partner einer kleinen, aber feinen Rechtsanwaltskanzlei in Century City war, die sich auf Nachlassverwaltung spezialisiert hatte – Testamente und Fonds und andere Instrumente, mit denen Schwierigkeiten auf dem Weg durch diese unsichere Welt abgewehrt oder zumindest abgemildert werden werden sollten. Das wahrscheinlichste Szenario war, dass jemand gestorben war und ihr etwas vererbt hatte, nur dass sie niemanden kannte, der gestorben war oder der genügend Vermögen besaß, um ihr etwas zu hinterlassen.

Elizabeth war weniger als zwanzig Meilen von ihrem Büro in Beverly Hills aufgewachsen, aber ihr Viertel gehörte zu denen, die Jonathan Hertzfeld mit Sicherheit noch nie besucht oder auch nur mit seinem Wagen durchquert hatte. Und es gab niemanden in ihrem Erwachsenenleben, der ihr ihrer Meinung nach ein solch bedeutsames Geschenk machen wollte, dass es dafür einen Anwalt bräuchte. Mindestens zum zehnten Mal, seitdem sie dem Termin gestern zugestimmt hatte, fragte sie sich, worum es möglicherweise gehen konnte. Ein Schauer hätte in diesem Moment über ihren Rücken laufen können, wenn er nicht von dem banalen Vorgang vereitelt worden wäre, in einen Apfel zu beißen, worauf sie sich die nächsten anderthalb Minuten konzentrierte.

Wenn dasselbe übernatürliche Wesen, das bereits in Richard Baumbachs Wohnung gewesen war, genau jetzt auch bei Elizabeth aufgeschimmert wäre und ihr gesagt hätte, dass sie nur noch genau null Stunden nach dem heutigen Meeting fakturieren würde und nicht mehr als acht Stunden für den Rest der Woche, hätte sie erstens darauf bestanden zu erfahren, durch welchen Trick der schimmernde Effekt erzielt worden sei; zweitens hätte sie die arme, verblendete Kreatur aus ihrem Büro gedrängt und unauffällig das Sicherheitspersonal angerufen. Aber drittens hätte sie ihre Schwäche verflucht, dem Wesen klammheimlich Glauben zu schenken. Denn seine Ankündigung hätte nur bestätigt, was sie seit gestern vermutete: dass sie bei dem Treffen von »privater Natur« irgendein Schicksalsschlag erwartete, etwas, das ihr stilles, geordnetes Leben, das sie sich so mühsam aufgebaut hatte, durcheinanderbringen würde.

Die Mittagessenszeit war vorbei. Elizabeth öffnete ihre Tür. Sie startete wieder den Timer auf ihrem Bildschirm und vertiefte sich erneut in die vor ihr liegende Aufgabe…


Wir beide, vielleichtFür immer, vielleicht

Kemper Donovan
EAN: 9783641164584
Verlag: Goldmann
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