Lass doch mal telefonieren!

Es ist offenbar leichter zu verschmerzen, wochenlang zu chatten und ein Maximum an Projektion aufzubauen, bis hin zu Verliebtseinsgefühlen in eine völlig unbekannte Person, um dann beim Treffen maßlos enttäuscht zu werden (und sich dann geghostet zu fühlen, wenn es dem Gegenüber ähnlich ging und er sich nicht mehr meldet), als Omas Tipp zu beherzigen: vor dem ersten Treffen einmal miteinander telefonieren.

Die Idee dahinter: die befürchtete Ablehnung so weit wie möglich in die Ferne schieben, um beim Date die Möglichkeit zu haben, zu brillieren und zu überzeugen. Hinzu kommt, durch das vermeintlich sichere Auswahlverfahren hat man ja das Gefühl, nicht einen unbekannten Menschen vor sich zu haben, mit dem man erst einmal die gemeinsame Wellenlänge herausfinden muss, sondern einen verifizierten potenziellen Partner, den man eigentlich nur noch akzeptieren oder ablehnen und weiterschicken muss.

Dumm nur, dass das Gegenüber das auch so empfindet und sich niemand gerne wie ein Zalando-Paket fühlen möchte, das man einfach zurückschickt, wenn der Inhalt nicht ganz so ist, wie man sich das vorgestellt hat.

Dass diese Dates zum Großteil in Frust enden, der wiederum auf den Selbstwert schlägt und dadurch Verlustangst und Bindungsangst noch verstärkt, verstärkt den Wunsch nach Sicherheit. Und so bauen Dating-Apps immer mehr vermeintlich Verbindlichkeit transportierende Features ein – wodurch die Erwartungen höher und die Enttäuschungen schmerzhafter werden, je häufiger man sie erlebt.

Dieser Kreislauf lässt sich nur durchbrechen durch Mut und Vertrauen. Ohne Vertrauen gibt es keine Liebe. Wer nicht vertrauen kann, weil er verletzt wurde, der kann sich um therapeutische Hilfe bemühen. Das Leben ist zu kurz, um es allein und in Angst zu verbringen. Und Mut lässt sich trainieren, jeden Tag. Durch direkte Gespräche. Und keine Angst, wer offen, neugierig und freundlich auf Menschen zugeht, wird ebenso empfangen.

Mut und Vertrauen allerdings werden nicht gefördert in den Spinnennetzen der Dating-Apps. Im Gegenteil, sie machen uns noch ängstlicher und verletzlicher. Es ist wunderbar, dass wir online, wo wir uns nun ja fast 24 Stunden täglich aufhalten, auch Beziehungen knüpfen können. Es wäre tragisch, wenn nicht. Aber wir dürfen dabei nicht feige werden. Sonst bleiben unsere Versuche, eine Partnerschaft einzugehen, nach dem ersten Date auf der Strecke und wir verlieren gänzlich den Mut.


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