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Jeder Tag ein Protest?

Sind wirklich alle heterosexuell?

Ein anderes Thema: Ich weiß nicht von einer einzigen Person an meinem Gymnasium, die ich dort während meiner Schulzeit kannte, die offen homosexuell lebte. Weder Schüler aus meiner Stufe, noch Lehrerinnen oder Lehrer. Ich weiß aber, dass sich Schüler und Schülerinnen über diesen einen Lehrer lustig machten, den alle für schwul hielten.

Neulich erzählte mir dann ein alter Schulfreund, dass er auch ab und zu mit Männern schläft. Die Vielfalt war also doch da, tief in den Menschen. Jetzt kommt sie raus. Vorher war dafür in der Öffentlichkeit anscheinend kein Platz. Dass ich bisexuell bin, wussten damals auch nur meine engsten Freundinnen und Freunde. Ich stand nicht sichtbar knutschend mit einer Frau auf dem Schulhof oder habe es auf Social Media thematisiert. Als ich dann später meine Sexualität öffentlich zeigte – knutschend auf der Straße und auf sozialen Medien – musste auch ich erfahren, dass Bi- und Homophobie gesellschaftliche Probleme sind, die wir haben.

Zum Glück haben meine Eltern mir kein Pink aufgedrückt. Ich hatte Barbies, aber auch Lego und Playmobil (und nicht in der rosa Variante). Ich wünschte mir ein ferngesteuertes Auto, also habe ich auch eins bekommen. Ich habe im Dreck gespielt und gewühlt, bin auf Bäume geklettert.

Aber die Zeitschrift Bravo hat mich geprägt. Auf die Art und Weise, wie sie „Flirt-Tipps“ gab. Niedlich und still sein. Von unten nach oben devot hochschauen, in der Hoffnung, dass ein Junge auf mich herabblickt und mich sieht. Habe ich zwar nie in der Form ausprobiert, aber trotzdem irgendwie geglaubt. Ich musste mich da raus kämpfen. Jungs selbst ansprechen – „Das würde ich mich ja nicht trauen“, sagten meine Freundinnen –, das war mutig.

Schönheitsideale oder: Der Zwang reinzupassen

Die Art und Weise, wie meine Brüste für mein Umfeld zum Thema wurden, ist eine andere Geschichte, die mich geprägt hat: Als ich in der siebten Klasse schon Körbchen D hatte, machten Jungs sich einen Spaß daraus, die Größe zu erraten. Das eine Mädchen aus meiner Stufe, das nie einen BH trug, wurde gemobbt. Die Mädchen, bei denen man im Schwimmunterricht Schamhaare sah, wurden gemobbt. Was das anging war ich angepasst. Wollte beim ersten Ansatz von Busen einen BH und rasierte mich mit 13 Jahren zum ersten Mal – und wusste bis zu meinem 21. Lebensjahr nicht, wie ich mit Haaren aussehe.

Und überhaupt: Die Sache mit den Schönheitsidealen ist nicht gut. Das ist wohl das, was mich am stärksten geprägt hat. Das schön- und weiblich-Sein. Begehrenswert sein wollen. Sich viele Gedanken über Kleidung und Nagellackfarbe machen. (Mit 14 Jahren habe ich mir JEDEN Tag die Nägel neu lackiert.) Immer perfekt geschminkt und rasiert sein. Den Wunsch als schön wahrgenommen zu werden.

Ich wollte zwar auch damals schon, dass die Optik immer in Kombination mit Intellekt und Talent wahrgenommen wird, aber Schönheitsideale hatten trotzdem zu viel Platz in meinem Leben. Es war letztendlich völlig egal, ob ich diese erfüllte. Gemobbt wurde ich trotzdem, einfach weil ich es wagte, individuell zu sein. Denkend. Schreibend. Und einen Scheiß auf Marken(-kleidung) gab. Weil meine Welt aus Büchern bestand und mich der größte Teil des Schulunterrichts wirklich interessierte. Weil mir schon immer klar war, dass ich die Welt, in der wir leben, nicht mag. Nicht so, wie sie aktuell ist.

Auch nach der Schule musste ich jeden Tag aufs Neue lernen, wie ich kontinuierlich auf meinen Körper reduziert wurde. Dass viele Männer mich jagen und erlegen wollten wie Vieh (weil sie es nicht anders gelernt haben). Einige waren dabei übergriffig und nahmen es mit dem Konsens nicht so genau. Und dass mein Ehrgeiz und meine Ambitionen ihnen noch den extra Kick gaben. Aber so „Girlfriend-Material“ ist das nicht wirklich. Ich solle ein bisschen bedürftiger sein, vielleicht würde dann jemand bleiben wollen. Sowas wurde mir so mehr als einmal gesagt. What?! Scheint so, dass selbstbewusste und eigenständige Frauen, die auf ihren eigenen Beinen stehen wollen, es wohl wirklich „schwerer“ haben. Man ist halt nicht angepasst.

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Über den Autor/die Autorin

Melina Seiler

Nachdem sie immer wieder von anderen so genannt wurde, bezeichnet sich Melina Seiler jetzt selbst als „Sexfluencerin des Vertrauens“ oder in seriös als sexpositive, intersektionale Feministin, Journalistin, Autorin, Speakerin, Podcasterin und Kolumnistin. Sie schreibt und spricht zu Feminismus (insbesondere zu Sexualität & Schönheitsidealen), LGBTQIA+ sowie zu Diversität und Diskriminierung allgemein. In ihrer Kolumne „Date mit einer Feministin“ schreibt sie für beziehungsweise über Vorurteile und Klischees, die über Feministinnen kursieren und erklärt was es mit dem Feminismus wirklich auf sich hat. Melina hat einen Bachelor of Arts in „Journalismus und Unternehmenskommunikation“. Aktuell absolviert sie ihr letztes Semester im Master „Journalistik und Kommunikationswissenschaft“ an der Uni Hamburg. Ihr Master Arbeit behandelt – wie soll es auch anders sein – die Frage, wie feministisch der Journalismus sein darf oder sogar sein muss. Mehr von Melina kann man in ihren Büchern „Was ich mal sagen wollte“, „LIEBEN & LEIDEN“ und „Kopf. Stein. Pflaster.“ lesen oder in ihrem Podcast „Sinnerfülltes Leben – Der Podcast über Femidings und Umweltbums“ hören.