Bewusst bisexuell: von dem Geschenk, auf beide Geschlechter zu stehen

Es fing mit 13 Jahren beim Flaschendrehen an und hat unsere Autorin Nadine Primo bis heute nicht losgelassen: Frauen faszinieren sie genauso wie Männer. Heute lebt sie ihre Sehnsüchte in einer offenen Beziehung aus.

Bisexualität hat nicht nur eine sexuelle Ebene

Zugegeben, an dieser Stelle ist viel Feingefühl erforderlich: von beiden Seiten. Auch wenn ich mich jedes Mal erneut über die Sexualisierung von Bisexuellen echauffieren könnte, so ist mir dennoch bewusst, dass die meisten aus ihrer Angst heraus reagieren und der Großteil an empathielosen Aussagen auf Unwissenheit zurückzuführen ist. Klar, die ganzen frei verfügbaren Pornoseiten haben natürlich auch über Jahre ein prägnantes Bild gezeichnet, in dem die bisexuelle Frau lediglich als Lust-Sklavin gut wegkommt.

Bei meinen Partnern habe ich irgendwann festgestellt, dass sie mich und meine potenzielle Gespielin unbewusst zu einer Sexfantasie degradierten, weil sie sich bedroht fühlten. Mit einem anderen Mann hätten sie sich schließlich vergleichen oder in Konkurrenz treten können. Mit einer anderen Frau hingegen, fiel der Vergleich etwas schwerer aus. Außerdem fühlten sie sich oftmals von außen in ihrer Männlichkeit bedroht. Von außen – das ist wichtig. In erster Linie waren es der soziale Druck und das Gelächter ihrer Kumpels, dessen sie sich nicht ausgesetzt fühlen wollten, schließlich setzt der patriarchalische Diskurs einen allgegenwärtigen und dominanten Penis voraus.

Freundinnen oder Bekannte, die eher irritiert reagierten und ihre Überforderung in Form von Klischees und Vorurteilen ausdrückten, trugen ebenfalls dazu bei, dass ich bis heute keine ernsthafte romantische Beziehung zu einer Frau geführt habe. Na ja, und die bereits erwähnte emotional verkümmerte Beziehung zu meiner Mutter versperrte mir sicherlich des Öfteren den „Zugang zum weiblichen Geschlecht“. Bis heute ist kein Dreier mit einem meiner (Ex-)Partner zustande gekommen. Die Umsetzung dieser Fantasie blieb ihnen bzw. uns bis heute verwehrt. Vielleicht war es in einigen Momenten aus Trotz meinerseits, aber in den meisten Fällen lag es an ungeklärten Missverständnissen und daraus resultierten verletzten Empfindungen. Als ich mich öffnete und ihnen mitteilte, dass ich mich nicht ernst genommen fühle und meine Sehnsüchte ungern als reine Sexfantasie behandelt wissen würde, zeigten sie auf einmal Verständnis und gaben ihre Überforderung mit der Situation preis.

In meiner offenen Beziehung ist sexuelle Exklusivität kein Thema

Mittlerweile habe ich meinen Weg gefunden, mit meiner Bisexualität umzugehen: Ich sehe sie in erster Linie als Geschenk und freue mich über jeden Menschen, egal ob Mann oder Frau, der mein Leben kurzzeitig oder auch über einen längeren Zeitraum bereichert. Partner, Affären und mein Umfeld wissen, dass ich auf Männer und Frauen stehe und es ist weder Thema, noch sorgt es für unangenehme Aufmerksamkeit.

Der Trubel war irgendwann vorbei und ich in eine tolerante Stadt wie Köln gezogen, wo ich mich als Bisexuelle nicht zwangsläufig outen muss. Meine Partner gaben mir jegliche Freiheiten, auch diese Seite an mir auszuleben, denn Frauen stellten für sie zwangsläufig keine Gefahr da.

Aktuell lebe ich in einer offenen Beziehung, in der sexuelle Exklusivität sowieso kein Thema ist. Jedoch gibt es auch hier wieder Unterschiede: Ob ich eine Frau oder einen Mann date, löst unterschiedliche Gefühle in meinem Partner aus, denn meine männerzentrierte „Beziehungsvergangenheit“ ist Beweis genug für ihn, dass eine Frau ihm so schnell nicht das Wasser reichen kann.

Abwarten. Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt, was sich noch alles ergeben wird und wie wir dann damit umgehen. Unsere offene Beziehung lässt eben diese Flexibilität zu.

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