Was ist ein Narzisst?

Was ist ein Narzisst? Woran erkennst du eine narzisstische Persönlichkeitsstörung? Was tun, wenn dein Partner ein Narzisst ist?

Was macht einen Narzissten aus? Wie erkenne ich einen Narzissten? Und sind wir nicht alle – zumindest ein wenig – narzisstisch?

Was ist ein Narzisst?

Die narzisstische Persönlichkeitsstörung ist, wie jede andere Persönlichkeitsstörung auch, “eine Bindungsstörung” (Rainer Sachse, 2014). Das zentrale Beziehungsmotiv ist Anerkennung. Die betroffenen Personen haben ein immenses Bedürfnis, positiv gesehen, wertgeschätzt, gemocht und geliebt zu werden. Nahezu alles, was sie tun, zielt darauf ab, Lob zu erhalten und zu hören und zu erleben, wie gut und liebenswert sie sind. Nach dem ICD 10 (Klassifikation psychischer Störungen) müssen für eine Diagnose u.a. erkennbar sein:

  • deutliche Unausgeglichenheit in Einstellungen und Verhalten in mehreren Funktionsbereichen wie Affektivität, Antrieb, Impulskontrolle, Wahrnehmen und Denken, Beziehung zu anderen
  • gleichförmiges, andauerndes, nicht auf Episoden psychischer Krankheiten begrenztes Verhaltensmuster
  • tiefgreifend gestörtes, in vielen persönlichen und sozialen Situationen eindeutig unpassendes Verhaltensmuster
  • Beginn der Störung in der Kindheit und Jugend, dauernde Manifestation im Erwachsenenakter
  • deutlich subjektives Leiden und/oder deutliche Einschränkung der beruflichen und sozialen Leistungsfähigkeit

Wie entsteht Narzissmus?

Wie alle Persönlichkeitsstörungen erleben die Betroffenen in den ersten Lebensjahren, dass ihre Bedürfnisse nach Bindung und Nähe nicht erfüllt werden (bspw. narzisstische, abweisende Elternteile). Dadurch entwickeln sich unterschiedliche kognitiv-emotionale Schemata. Destruktiv: “Ich bin nicht gut genug. Mich liebt keiner. Ich scheitere immer wieder.” Und positiv: “Ich bin besonders. Ich schaffe das und noch mehr.” Dies führt zu Überzeugung: “Wenn andere mich nicht lieben, muss ich mich selbst lieben” und zum Aufbau eines “falschen Selbst”.

Vereinfacht formuliert, erleben Narzissten schwierige und dysfunktionale Beziehungserfahrungen, die zu Entwicklungsdefiziten führen. So erlernen Narzissten frühzeitig, dass sie sich alleine auf sich verlassen müssen, weil ihre Umgebung ihnen keine Zuneigung entgegenbringt, wenn sie diese nicht durch eine breite Palette von Verhaltensweisen provozieren: Versprechungen, Drohungen, Umwerben … – alles, was Aufmerksamkeit und Anerkennung bringen könnte, wird dafür auch genutzt. Da der Selbstwert so stark verletzt und derart gering ist, sind für Narzissten Kritik und Rückschläge unerträglich, da sie die Manifeste ihrer Selbstbewertung ins Wanken bringen. Beispielsweise nach einem Jobverlust oder einer Zurückweisung ist die Gefahr eines Suizides noch einmal erhöht; dabei ist die Suizidalität von Betroffenen mit Persönlichkeitsstörungen gegenüber der Bevölkerung sowieso erhöht.

Narzissmus-Problem “Ich-Syntonie”

Ein Narzisst kann (zunächst) nicht erkennen, dass er ein Narzisst ist, denn seine Störung ist “ich-synton”. Ich-Syntonie bedeutet, Betroffene erleben eine Störung als “zu sich gehörend”. Ich-Dystonie hingegen bedeutet, die Betroffenen erleben die Störung als behindernd, als “fremd” zu ihnen. (Eine Zwangsstörung bspw. wie andauerndes Händewaschen wird von Betroffenen als Zwang erkannt.) Alle Persönlichkeitsstörungen haben gemein, dass zunächst die Erkrankten keine Krankheitseinsicht haben und erlangen können, weil ihnen nicht klar ist, dass eine Störung vorliegt. Aus diesem Grund ist ein wichtiges Ziel der Therapie, die Ich-Syntonie der Symptome aufzuheben. Erst dann lassen sich meist in psychodynamisch und analytisch orientierter Psychotherapie die Entwicklungsdefiztite “nachreifen”. Eine Heilung von Persönlichkeitsstörungen ist meist nicht möglich, jedoch eine Linderung der Symptome. So wird mit Empathie, Verständnis, Sorge und Geduld der Therapeut dem Klienten die Auswirkungen und Konsequenzen seines Verhaltens verständlich machen, um dann mit ihm reale Alternativen zu erarbeiten. Bereits das Erkennen, dass der Narzisst einer andere Person vertrauen kann, ist eine “korrigierende” Beziehungserfahrung (Sachse).

Unterschiedliche Narzissmus-Formen

Professor Dr. Rainer Sachse gilt als Koryphäe für Persönlichkeitsstörungen. Von ihm stammt ein Leitfaden für die Psychologische Psychotherapie für den Umgang mit Betroffenen. Er unterteilt Narzissten in drei Kategorien.

  • Erfolgreiche Narzissten: Sie kompensieren durch Leistung ihre Selbstzweifel und werden dadurch auch faktisch erfolgreich. Sie haben kaum einen Veränderungswunsch, weil alles ja gut für sie läuft.
  • Die erfolglosen Narzissten: Sie erleben oder erkennen keine Erfolge und entwickeln nur Illusionen von Erfolg und streben diesen nach. Sie probieren innerhalb ihrer Möglichkeiten neue Strategien, die jedoch nur verstärkt die bekannten Schemata wiederholen.
  • Die gescheiterten Narzissten: Sie leiden unter extremer Versagensangst und stecken häufig in ihren Strategien fest.

Die Unterscheidung in diese drei Gruppen ist therapeutisch relevant. Denn erfolgreiche Narzissten sind weniger schwer zu therapieren als gescheiterte oder die “hochgradig therapie-resistenten” (Sachse) Narzissten.

Mein Partner ist Narzisst – was kann ich tun?

Narzisstische Anteile und Verhaltensweisen hat jeder Mensch. Ob es sich bei deinem Partner um eine narzisstische Persönlichkeitsstörung handelt, muss ein Psychiater oder Psychotherapeut diagnostizieren. Ebenso können nur diese deinem Partner helfen. Du bist nicht der Therapeut deines Partners. Im Gegenteil: wenn du dich nicht schützt, wirst du unter seinen Verhaltensweisen extrem leiden und möglicherweise selbst schwere psychische Schäden und Verletzungen davontragen. Hinzu kommt, dass Kinder aus Familien mit narzisstischen Partnern selbst Bindungs-, Entwicklungsländer- und Persönlichkeitsstörungen entwickeln können, da sie unter der Nichterreichbarkeit von Vater und/oder Mutter leiden.

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