Leck mich! Mehr Mut im Bett und in der Liebe – Ein Buchtipp

Mit diesen Worten entzog ich mich seiner Nähe. Ich ließ meine Jacke auf den Boden fallen und ging den Flur entlang. Hinter der letzten Tür am Ende des Gangs fand ich Yanniks Schlafzimmer. Mitten im Raum stand ein großes, perfekt gemachtes Bett mit weißer Bettwäsche. Natürlich, dachte ich, auch hier ist alles makellos. Zum Bett ausgerichtet stand ein grauer Sessel in einer der Zimmerecken. Neben dem Bett lehnte ein riesengroßer antiker Spiegel an der Wand. Ich musste schmunzeln. Dieser Spiegel stand hier nicht aus Zufall genau so. Mein Blick fiel auf den Nachttisch. Perfekt aufgereiht lagen dort drei verschiedene Vibratoren. Einer zum Auflegen, ein größerer und einer, den man anal einführen konnte. Der Mann kennt sich aus, dachte ich und erinnerte mich daran, was Yannik mir für diese Nacht per Nachricht mitgegeben hatte: Lass deiner Lust einfach freien Lauf.

“Es gab keine Bewertung von Fantasien, Fetischen oder Spielarten”

Denn für Yannik bedeutete das Spiel Sex genauso wie für mich: Es gab keine Bewertung von Fantasien, Fetischen oder Spielarten. Und so schreckten mich seine Vorlieben zu keinem Zeitpunkt ab, auch wenn ich sie selbst nicht immer teilte. Wieso sollte ich sie ihm nicht zugestehen oder vielleicht abstoßend oder eklig finden? Wer bin ich, als dass ich über Lust und Grenzen anderer urteilen dürfte? Und so erzählten wir uns gegenseitig, wo unsere sexuellen Grenzen lagen, die der andere beachten musste. Ich ihm, dass mir jedwede Gewalt, egal ob körperlich oder durch Worte, überhaupt keine Lust bereiteten. Generell war Erniedrigung keine Spielart, die mir gefiel. Was nicht war, konnte ja noch werden, aber diese Grenze galt zumindest für heute Abend. Bei ihm sah es ähnlich aus. Er wollte gerne die Kontrolle abgeben, sich von mir aber weder beschimpfen und beleidigen noch schlagen lassen. Was mir sehr entgegenkam. Ich glaube, ich hätte das weder gekonnt noch gewollt. Dass wir beide nun diese Dinge voneinander wussten und bereit waren, über all das zu sprechen, schaffte einen Vertrauensvorschuss, der den nächsten Stunden zugutekommen sollte.

Ich stand jetzt vor dem Spiegel in Yanniks Zimmer und schaltete eine kleine Lampe an, die auf einem Tischchen daneben stand. Perfektes Licht, dachte ich. Warm, nicht zu hell und, noch viel wichtiger: nicht zu dunkel. Ich zog mein Kleid über den Kopf. Trug jetzt nur noch ein schwarzes Spitzennegligé, das meinen runden Po gerade so bedeckte, und schwarze halterlose Strümpfe mit Spitzenrand.

Ich schaute an meinem Körper hinunter. Und ich sah einiges, das in die gesellschaftlich anerkannte Schönheitsschablone wirklich nicht hineinpasste. Ich war 34 Jahre alt und hatte mittlerweile eine kleine Bauchrolle, die sich wirklich nicht mehr wegdiskutieren ließ. Und ich hatte schon immer Oberschenkel, die im Sommer aneinanderrieben und mir fiesen Ausschlag bescherten. Ich hatte diese eine Delle, die fast schon als Kuhle auf meiner rechten Pobacke durchgehen würde. Abgesehen von meinen wellenartigen Dellen rund um den Hüftbereich. Wenn ich ein paar Kilo mehr wog, zog außerdem das Zimt’sche Doppelkinn in mein Gesicht ein. Es legte sich wabbelig und hartnäckig unter meine Kieferknochen und blieb dort erst mal, wenn ich nicht irgendwann anfing, meine geliebten Pommes mit Mayo mal für ein paar Wochen nur ganz, ganz ausnahmsweise zu essen.

Aber da hatten wir es auch schon: Mein Leidensdruck war nicht groß genug. Warum auch? Pommes waren erstens frittierte Sonnenstrahlen, so sagten es schließlich diese komischen Sprüchepostkarten in halb coolen Nippesläden. Und zweitens war mir irgendwann aufgefallen, dass ich mit meiner Figur oft unzufrieden war, egal, wie ich aussah. Ich habe neulich ein Foto aus dem Jahr 2012 gesehen und aus heutiger Sicht würde ich sagen: »Wow, sah ich Bombe aus!« Flacher Bauch, tolle Taille, straffer Popo. Aber damals fühlte ich es nicht. Ich fand immer etwas an meinem Körper, das es zu bemängeln gab. Und genau das zeigte mir, dass ich mein subjektives Optimum eh nie erreichen würde, egal, was die Waage sagte. Egal, wie ich aussah. Dann konnte ich es ja auch gleich lassen mit dem Perfektionsanspruch.

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