Was Selbstbewusstsein mit einem Stuhl zu tun hat

Jens Corssen rät, sich täglich einmal auf einen Stuhl zu stellen. Warum das zu Selbstbewusstsein und zu einer besseren Beziehung führt, erklärt er im Interview anlässlich seines Buches “Das Corssen-Prinzip”

Eric Hegmann: Sie haben das Stuhl-Ritual erfunden, was ist das und wie wirkt es?

Jens Corssen: Wer seine persönliche Entwicklung wirklich als Notwendigkeit begreift, bringt dafür auch die Disziplin auf, sich täglich für eine Minute auf einen Stuhl zu stellen und sich seiner angestrebten Haltung dem Leben, anderen und sich selbst gegenüber, bewusst zu werden.
Die Erkenntnisse darüber, wie man sein möchte, ändern kaum etwas! Nur oft wiederholte Einsichten können auf Dauer ein neues Verhalten erschaffen. Das Stuhl-Ritual dient also der Selbstbewusstheit und führt vom Wollen zum Tun.

Eine neue Perspektive einnehmen ist der erste Schritt
Eine neue Perspektive einnehmen ist der erste Schritt

Wie kann davon eine Beziehung profitieren?

Wer immer noch glaubt, dass der andere sich ändert, wenn man es ihm nur häufig genug sagt, der irrt sich gewaltig. Das führt nur zu Beziehungsstörungen. Den wirksamsten Einfluss auf die Entwicklung des Partners hat die eigene Veränderung. Nebenbei gesagt, ist es doch deprimierend permanent von dem kritisiert zu werden, der vorgibt einen zu lieben.

Eine häufige Klage in der Paarberatung lautet: „So habe ich mir das nicht vorgestellt.“ Was ist dann schief gelaufen?

Die Verstimmtheit braucht die Rechthaberei, dass das was ist, nicht sein darf. Es sind ja nicht die Situationen oder die anderen, die einen traurig oder wütend machen, sondern die Erwartungen an sie. Für das eigene Wohlbefinden rechnet es sich deshalb, sich an den gegenwärtigen Gegebenheiten zu orientieren und nicht an dem, wie etwas sein sollte. Wünsche an den Partner kann man ja so viele haben, wie man will. Es ist jedoch die irrationale Annahme, dass sie auch erfüllt werden müssen, was die Beziehung belastet.

Jedes Paar erlebt im Alltag eine Mischung aus Bewährtem und Neuem. Wie können die Partner die Angst vor Veränderung besiegen?

Wer sich täglich bewusst macht (z.B. auf dem Stuhl stehend), dass alles kommt und geht, wird seelisch widerstandsfähiger. Das Goethe-Wort: „Und so lang du das nicht hast, dieses Stirb und Werde, bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde”, beschreibt das sehr treffend. Oft helfen philosophische Gedanken, z.B. über Dankbarkeit und Demut, mehr, als das beliebte und diskriminierende psychologische Analysieren.

Was können Partner tun, wenn das Sicherheitsdenken – wie beispielsweise für die Familienplanung – ihnen die Freude an der Beziehung raubt?

In meinem neuen Buch, der Graphic Novel „Das Corssen-Prinzip“ geht es primär um das Thema Sicherheit (vorsichtiges Überleben) und Risiko(freudvolles Erleben). Die beiden Coaches Survival-Man und Happy-Man, die unsere inneren Stimmen oder Einflüsterer repräsentieren, kämpfen um ihren Machteinfluss auf die Protagonisten. Es geht dabei um das Reich der Sicherheit, oder das Reich der Möglichkeiten.

Im Hamsterrad der Gewohnheit gefangen
Im Hamsterrad der Gewohnheit gefangen

Gewohnte Gedanken, gewohntes Verhalten, gewohnte Erwartungen und gewohnte Gefühle – wie kommt man aus diesem Hamsterrad der “Ungünstigen Vier” heraus?

Wissenschaftliche Forschungen haben ergeben, dass nur emotionales Erleben etwas verändert, d.h. in unserem Gehirn zu neuen neuronalen Verknüpfungen führt. Und nicht die endlosen Diskussionen über Probleme. Also geht es darum, dass ein Paar sich aufrafft durch neues Tun neue Erfahrungen zu sammeln, z.B. an nicht bekannte Orte zu gehen oder nicht ausgetretene Pfade zu betreten. Neue Leute kennen zu lernen, sich mal anders zu kleiden und etwas Verrücktes zu wagen. Das belebt den Einzelnen und die Beziehung.

Wie häufig sind Beziehungskonflikte die Folge der „Ungünstigen Vier“?

Auf der Verhaltensebene ist Liebe messbar. Wer seinem Partner nichts ein – oder ausredet und ihm keine ungefragten Bewertungen oder Ratschläge gibt, dem ist es gelungen, dessen Einzigartigkeit in seinem Denken, Fühlen und Handeln zu respektieren. Zu Störungen kommt es, wenn man sich von seiner/seinem Liebsten bevormundet und reglementiert fühlt. Der Selbst-Entwickler fängt mit der Veränderung bei sich an!

Jeder hat Erwartungen: an die Beziehung, an den Partner. Was ist daran problematisch?

Jeder ist durch kulturelle Einflüsse, seine Erziehung und genetisch programmiert. Das bestimmt seine Weltsicht und seine Erwartungen. Wer das nicht weiß und respektiert, nimmt die Sonderbarkeiten am anderen oft als persönliche Entwertung wahr. Das führt dann zum Rückzug oder zerstörerischem Kampf.

Würde es etwas verändern, wenn sich jeden Morgen ein Paar gemeinsam auf einen Stuhl stellt? Oder jeder Partner auf einen?

Es ist wichtig, dass sich jeder einzeln auf seinen (Bewusstheits-)Stuhl stellt. Denn jeder ist alleine für seine Lebenseinstellung und Zufriedenheit verantwortlich. Diese Einsicht, jeden Tag wiederholt, entlässt den anderen aus der Verantwortlichkeit für das Glück seines Partners. Wer sich als Selbst-Entwickler selbst um sein Wohlbefinden kümmert, trägt dadurch in großem Maße zu seinem Beziehungsglück bei.

Cover_Corssen PrinzipJens Corssen
Das Corssen-Prinzip
ISBN: 978-3-442-34167-2
Verlag: arkana

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