Spurlos verschwunden – wenn der Partner auf einmal weg ist

Julias Mutter war fassungslos. Sie hatte Matthias nicht besonders gut gekannt, aber immer gemocht. Sie verstand, dass Julia in eine Schockstarre gefallen war. Doch sie fand, diesen Abgang dürfe man keinesfalls auf sich beruhen lassen. Mit Julias Einwilligung rief sie Vincent an, dann Matthias’ Schwester und schließlich auch seinen Vermieter. Die ersten beiden wussten noch gar nichts von seinem Verschwinden. Seinem Freund hatte Matthias erzählt, er führe mit Julia drei Wochen in den Urlaub. Gegenüber seiner Schwester hatte er von einem Projekt in den USA gesprochen. Sie hatte ihm vor ein paar Tagen eine Mail geschickt, sein Nichtantworten aber auf die viele Arbeit geschoben. Einzig Matthias’ Vermieter, ein völlig fremder Mensch, hatte im Ansatz Bescheid gewusst. Aufgrund einer fristgerechten Kündigung am Anfang des Jahres.

Einerseits tat es Julia gut, nun Klarheit zu haben: Matthias hatte seinen Ausstieg geplant, sich Vorsprung verschafft. Er war wirklich weg und hatte nicht nur sie vor vollendete Tatsachen gestellt. Es war kein Rückzug aus ihrer Beziehung, sondern ein Rückzug aus seinem Leben. Doch mit dieser Erkenntnis kamen die Fragen: WARUM? Hatte er Geldsorgen gehabt? Saß das Finanzamt ihm im Nacken? Ein Kunde? Aber hätte es nicht für all das einen anderen Ausweg gegeben? Vielleicht war er auch schwer krank und wollte niemanden damit belasten? Oder es gab eine zweite Frau, eine zweite Familie? Hatte er jemanden geschwängert? Was hatte er sich gedacht, wie es ihr mit seinem Untertauchen gehen würde? War er unglücklich gewesen mit ihr? Und was war da noch alles, von dem sie nicht wusste? War ihre ganze Beziehung am Ende nur eine einzige Illusion? Und wie sollte es ihr je gelingen, auch nur eine dieser Fragen für sich zu klären?

Die Panikattacken blieben etwa ein Jahr. Sie kamen meist nachts, aber auch tagsüber. Einmal fuhr Julia mit dem Auto an einem Kirmesplatz vorbei, und ihr Blick fiel auf ein gigantisches Riesenrad mit vielen bunten Kabinen. Wenn mich jetzt jemand zwingen würde, da oben zu sitzen, schoss es ihr durch den Kopf. Dieser völlig irrationale Gedanke erschien ihr plötzlich unsagbar bedrohlich. Ihre Atmung beschleunigte sich, Angstschweiß stand ihr auf der Stirn. Sie musste rechts ran fahren.

Ihr ganzes Umfeld riet ihr, zu einem Therapeuten zu gehen, einen Trauma-Experten zu konsultieren: ihre Eltern, ihre Freunde, sogar Körner. Und ja, Julia ging es beschissen. Aber sie sah einfach nicht ein, dass sie krank sein sollte, weil Matthias ihr und den anderen das antat. Er war es, bei dem etwas schief lief, nicht sie. Sie würde das schaffen. Allein. Also bat sie die anderen um Zeit, um Normalität und darum, sie nicht mehr so sorgenvoll anzuschauen. Engagierter denn je stürzte sie sich in ihre Arbeit, denn jede Minute, die sie im trubeligen Büro und nicht alleine in der Ruhe ihrer Wohnung verbrachte, war heilsam.

Jetzt soll der Horrorfilm endlich vorbei sein

Der viele Fleiß zahlte sich aus. Anderthalb Jahre nach Matthias’ Verschwinden bot Körner ihr die Teamleitung an. Es ging um Verantwortung für fast 30 Mitarbeiter – Matthias’ alte Position. »Das traust du mir zu?«, fragte Julia ihren Chef, als sie zum hochoffiziellen Gespräch in dessen Büro saß. Er lachte. »Ja, allerdings! Hast du mitgekriegt, wie du dich entwickelt hast im vergangenen Jahr? Wenn ich mich auf jeden Mitarbeiter so verlassen könnte wie auf dich, hätte mir das so manche Sorgen erspart …« Die Anspielung war unverhohlen, und irgendwie erfüllte das Angebot Julia mit Stolz. Sie würde in Matthias’ Fußstapfen treten und die Dinge besser machen können als er. Zumindest tagsüber, so schien es, war Ordnung in ihr Leben eingekehrt. Und an den Schlafmangel hatte sie sich inzwischen gewöhnt.

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