Spurlos verschwunden – wenn der Partner auf einmal weg ist

Sie parkte ihren Wagen hinter der Rampe, die zur Tiefgarage von Hausnummer 22 führte. Dann lief sie durch den akkurat bepflanzten Zugangsbereich. Natürlich hatte sie Matthias’ Haus- und Wohnungsschlüssel. Aber sie wollte nicht einfach so hereinplatzen. Sie stand vor den Klingelschildern, die Hand bereits zum Drücken gehoben – und hielt inne. Ihre Augen fanden Matthias’ Namen nicht. Er stand doch in der obersten Reihe. Nervös ließ sie ihren Blick noch einmal über jedes der zwölf Schilder gleiten. Zehn von ihnen waren beschriftet. Zwei waren leer. Eins ganz oben, eins in der Mitte. Julia stolperte ein paar Schritte rückwärts, vielleicht hatte sie sich vor Aufregung in der Hausnummer vertan. Sie legte den Kopf in den Nacken und las die Ziffern an der Front des Gebäudes: 22.

Was war hier los? Versteckte Kamera? Ein böser Streich?

Instinktiv guckte Julia sich um, als habe Matthias sich hinter einem der Büsche versteckt und würde jeden Moment laut April, April rufen, mitten im Mai. Doch nichts passierte. Sie zog ihren Schlüsselbund aus der Tasche, betrat den Flur und fuhr mit dem Fahrstuhl in den vierten Stock. Matthias’ Wohnung lag am Ende des Gangs. Wie in Zeitlupe nahm Julia wahr, wie sie die letzten Schritte zur Tür lief. Mit zittrigen Händen schob sie den Schlüssel ins Schloss. Erst nach der zweiten Umdrehung machte es klack. Die Tür sprang auf. Julia sackte das Blut in die Beine, als sie sah, was sie dahinter erwartete: Diese Wohnung war leer. Komplett.

Nun war sie Zuschauer und Hauptdarsteller in ein und demselben Film. Sie sah sich selbst dabei zu, wie sie die Wohnungstür wieder verschloss, zu ihrem Wagen ging und losfuhr. Wie sie zu Hause ankam, sich auf den weißen Teppich im Wohnzimmer fallen ließ, wie sie dort lag und an die Decke starrte. Irgendwann begann es draußen zu dämmern, sie hatte Durst. Doch ihre Arme und Beine waren gelähmt. Als sie schließlich in der Lage war aufzustehen, wurde es draußen gerade wieder hell.

Matthias’ Laptop war weg. Wie alle seine anderen Dinge, die bei ihr gewesen waren: Klamotten, Laufschuhe, Rasierer, sogar sein Bademantel. Ihren Schlüssel hatte er auf dem Küchentisch abgelegt, ohne irgendeine Nachricht. Julia stellte sich unter die dampfende Dusche. In ihren Ohren fiepte ein Pfeifton. Erst als ihre Haut ganz schrumpelig war, stellte sie das Wasser ab und machte sich fertig. Dann flüchtete sie durch die Wohnungstür aus ihrem persönlichen Horrorfilm, um kurze Zeit später in einer Daily Soap über den Alltag in einem deutschen Büro zu landen. Erst als sie am Abend nach Hause kam, switchte das Programm erneut um. Vier Wochen lang ging es so, und Julia spielte ihre Rolle dermaßen gut, dass niemand auch nur ahnen konnte, was geschehen war. Fast hätte sie es geschafft, selbst alles zu vergessen.

Sie glaubte, sie sterbe.

Am fünften Wochenende nach Matthias’ Verschwinden schrak sie nachts aus dem Schlaf hoch. Sie lag auf dem Rücken und hatte stechende Schmerzen im Brustkorb. Sie fühlte sich, als hätte gerade jemand einen zentnerschweren Stein auf sie herabfallen lassen. Mit kurzen, immer schnelleren Atemzügen versuchte sie, genug Luft zu kriegen. Sie glaubte, sie sterbe. In ihrer Not wählte sie die Nummer ihrer Eltern, die in fast 300 Kilometern Entfernung wohnten. Als Julias Mutter die gepresste Stimme ihrer Tochter hörte, handelte sie sofort: Sie rief den Notarzt, schickte ihn zu Julias Adresse und setzte sich ins Auto. Zweieinhalb Stunden später konnte sie ihr Mädchen vor dem Krankenhaus in Empfang nehmen. Es hielt ein Rezept für Valiumtabletten in der Hand.

»Es war eine Panikattacke, körperlich fehlt mir nichts.« Julia sah in die besorgten Augen ihrer Mutter. Sie wusste, das klang wenig beruhigend. Schweigend fuhren die beiden Frauen zu ihrer Wohnung. Wie früher, wenn sie Angst vor der Dunkelheit gehabt hatte, bat sie ihre Mutter darum, sich zu ihr ins Bett zu legen. Nach zwei Valiumtabletten schlief sie tief und lang in den vertrauten Armen. Anschließend fühlte sie sich endlich im Stande, auszusprechen, was passiert war.

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