Spurlos verschwunden – wenn der Partner auf einmal weg ist

Erst als die anderen nach und nach zum Mittagessen aufbrachen, öffnete sie die Website von Matthias’ Mobilfunkanbieter. »Kommst du mit, wir gehen in den Suppenladen«, fragte ihre Auszubildende Flora. »Nein, geht ihr mal ohne mich, ich muss hier noch eben ein wichtiges privates Telefonat führen«, antwortete Julia und nahm demonstrativ ihr Handy in die Hand. »Okay, alles klar«, sagte Flora. Ein paar Minuten später war Julia allein. Ein letztes Mal wählte sie Matthias’ Nummer. »Die von Ihnen … « – sie legte auf und rief die Servicenummer des Netzbetreibers an. Wenig später hatte sie eine Frau aus dem Callcenter am Apparat.

»Guten Tag, ich wollte mich mal eben bei Ihnen erkundigen, ob Sie derzeit Netzstörungen im Raum Hamburg haben, auf Ihrer Website kann ich leider nichts dazu finden«, brachte Julia ihr Anliegen vor. Die andere tippte lautstark etwas in ihren Computer. »Hamburg, einen Moment, ich gucke mal eben. Nein, so weit ich das sehe, liegt da nichts vor. Darf ich fragen, warum?« Julia spürte das unangenehme Gefühl vom Morgen wieder in ihrem Bauch. »Ach, ich kann meinen Lebensgefährten nicht erreichen, es kommt so eine komische Ansage«, erklärte sie. »Welche genau?«, wollte die Service-Mitarbeiterin wissen. »Die von Ihnen gewählte Rufnummer ist nicht vergeben«, gab Julia die Ansage wieder, »das ist seit heute Morgen so. Gestern ging noch alles.«

»Das ist wirklich seltsam«, sagte die Stimme am anderen Ende. »Haben Sie mal die Nummer und den Namen Ihres Lebensgefährten für mich? Dann gucke ich noch mal genauer.« Julia diktierte ihr beides. Wieder das Tippgeräusch, anschließend einige Sekunden Stille. »Hören Sie«, sagte die Frau schließlich, »ich muss Ihnen leider mitteilen, dass unter dem Namen Ihres Lebensgefährten und unter dieser Rufnummer kein Vertrag bei uns besteht.« Julia stutzte. »Wie? Das ist aber seine Nummer. Hat er gekündigt oder wie?« »Das ist Datenschutz, ich darf Ihnen dazu leider nicht mehr sagen. Aber Sie werden ihn unter dieser Nummer nicht mehr erreichen.« – »Hat er vielleicht seine Rechnung nicht bezahlt?« – »Ich kann Ihnen wirklich nichts sagen, es tut mir leid …« – »Ja, okay, danke.« Perplex legte Julia auf. Nun war es vorbei mit der Ruhe.

Sicher würde es eine ganz einfache Erklärung geben.

Schnell ging sie im Kopf die Optionen durch, die sie hatte: Matthias’ besten Freund Vincent anzurufen, war eine. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass er etwas wusste, war eher gering, er lebte nicht in derselben Stadt. Julia wollte keine Pferde scheu machen. Ein Anruf bei Matthias’ Schwester schied aus demselben Grund aus, und die war die einzige Angehörige, die es gab. Ihm eine E-Mail zu schicken, war denkbar. Aber sein Laptop lag mit ziemlicher Sicherheit in ihrem Wohnzimmer, und bis er dort auftauchte, sollte er sich längst von sich aus bei ihr gemeldet haben. Plötzlich erschien es ihr unmöglich, weiter im Büro zu sitzen, während sie nicht wusste, was los war. Kam also nur noch Option drei in Frage: zu Matthias nach Hause fahren. Mit zittrigen Händen schrieb sie ihrer Office-Managerin einen Zettel: Ich hab einen Notfall in der Familie und muss heute Nachmittag spontan freinehmen. Wenn was Dringendes ist oder Fragen auftauchen, ruft mich an! Morgen bin ich wieder da. LG, Julia

Um vom Büro aus zu Matthias’ Wohnung zu kommen, musste Julia einmal quer durch die Stadt. Einer der Gründe, weshalb sie in den letzten Jahren viel mehr Zeit bei ihr verbracht hatten als bei ihm: In Situationen wie jetzt, wenn sie es eilig hatte, konnte der Verkehr sie an den Rand des Wahnsinns treiben. Ständig bremste jemand abrupt, schlich mit Tempo 30 dahin oder versperrte den Weg. Julia war gestresst und nervös, als sie schließlich in die Straße mit den gepflegten Neubauten einbog. Sie ärgerte sich über sich selbst. Sicher würde es eine ganz einfache Erklärung geben. Und später müssten sie dann zusammen über die ganze Aufregung lachen. Aber warum hatte sie bloß so ein schlechtes Gefühl?

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