Spurlos verschwunden – wenn der Partner auf einmal weg ist

Sie erwachte durch die veränderte Geräuschkulisse. Der Fernseher lief noch, aber das Spiel war zu Ende. Es war inzwischen Viertel vor elf. Julia blickte auf ihr Handy. Kein Anruf, keine neue Nachricht. Der Arme, dachte sie, bestimmt so ein Schnacker,der Kunde, und Matthias muss höflich sein. Innerlich wird er fluchen. Während des Zähneputzens musste sie bei der Vorstellung schmunzeln, wie Matthias’ Fuß in diesem Augenblick nervös unter irgendeinem Tisch hin und her wippte. Auf dem Weg ins Bett knipste sie noch das Licht im Flur an und vergewisserte sich, dass ihr Wohnungsschlüssel nicht von innen steckte. »Ich leg mich hin, Schatz, freu mich auf dich, bis gleich!«, schrieb sie ihm dann eine letzte SMS, schon in ihre Decke gekuschelt. Bald fielen ihr die Augen zu.

Die von Ihnen gewählte Rufnummer ist nicht vergeben

Das Nächste, was Julia wahrnahm, war der Wecker. 7:10 Uhr. Sie lag allein in ihrem Bett. Langsam wurde ihr etwas mulmig zumute. Was, wenn Matthias einen Unfall hatte? Vielleicht hatte der Kunde ihn auch unter den Tisch getrunken und er lag jetzt verkatert in seiner eigenen Wohnung? Oder eine andere Frau …? Nein, was für ein dummer Gedanke, das schied wirklich aus. Und jetzt sofort wieder bei ihm anzurufen, wäre hysterisch. Zumindest bis acht würde sie warten. Bestimmt gab es irgendeine ganz undramatische Erklärung. Nachdem sie sich geduscht, geföhnt, geschminkt und angezogen hatte, war es 8:03 Uhr. Sie nahm ihr Telefon und wählte Matthias’ Nummer. »Die von Ihnen gewählte Rufnummer ist nicht vergeben«, sagte die nette Frauenstimme am andern Ende der Leitung.

Ein paar Schrecksekunden lang hielt Julia das Telefon starr in der Hand. Dann setzte sie sich verwirrt an den Küchentisch. Ganz ruhig bleiben und nachdenken jetzt. Die von Ihnen gewählte Rufnummer ist nicht vergeben. Was konnte das bedeuten? Verwählt hatte sie sich definitiv nicht, Matthias’ Nummer war ja gespeichert. Im Worst Case – wenn ihm etwas passiert wäre, das Handy ausgeschaltet, gestohlen oder kaputt – hätte die Ansage lauten müssen »Der von Ihnen gewünschte Teilnehmer ist zurzeit nicht erreichbar«. Das schied also zum Glück schon mal aus. Somit konnte es eigentlich nur ein Problem des Netzbetreibers sein. Möglicherweise hatte Matthias ihre SMS vom Abend auch gar nicht bekommen, beziehungsweise geantwortet ohne zu merken, dass seine Nachricht nicht rausging. So musste es sein, ja. Julias Puls beruhigte sich, sie war erleichtert. Dummerweise fehlte ihr die Zeit, vor der Arbeit kurz bei seiner Wohnung vorbeizufahren. Er machte sich sicher auch schon Gedanken. Andererseits würde ihm das Problem mit dem Handy nach dem Aufstehen ohnehin auffallen. Dann würde er sich über einen Festnetzanschluss von unterwegs bei ihr melden. Verfluchte Technik, dachte Julia und ging aus der Wohnung.

Julias Kollegen waren nicht sonderlich gut auf Matthias zu sprechen. Er hatte sich damals trotz seiner großen Verantwortung ziemlich abrupt vom Acker gemacht. Einige Leute hatten sich dadurch sehr im Stich gelassen gefühlt. Wenn Julia im Büro erzählte, dass sie ihn nicht erreichen konnte, würde es nur Witzeleien geben. Außerdem konnte sie sich gut auf die Arbeit konzentrieren, selbst wenn sie mit einem Ohr nach dem Telefon lauschte.

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