Spurlos verschwunden – wenn der Partner auf einmal weg ist

Julias Geschichte einer Trennung ist erschütternd und Furcht einflössend. Gastautorin Elena Sohn hat diese und weitere Geschichten über Liebeskummer und Trennungsschmerz aufgeschrieben. Lesen Sie hier einen Auszug:

Spurlos – Julia, 32

Was Julia nachts nicht schlafen ließ, waren die vielen Fragen. Sie gingen ihr nicht durch den Kopf, sie marschierten im Stechschritt. Eine nach der anderen. Wie sollte sie ihrer bloß jemals Herr werden. Ohne Antworten? Es gab keine Aussicht auf Besserung. Sie fühlte sich hoffnungslos.

Manchmal stand sie im Dunkeln auf und setzte sich an den Computer, aus Angst, sie habe den Verstand verloren. Sie öffnete den Ordner »Bilder« auf ihrem Desktop, und erst wenn sie die wenigen Fotos sah, die Matthias und sie gemeinsam zeigten (Sommerurlaub am Gardasee, Grillabend auf der Dachterrasse, Weihnachts-Kuss unter dem Mistelzweig), war sie etwas erleichtert. Ja, es hatte ihn wirklich gegeben. Aber das war auch schon alles, was ihr sicher erschien.

Wenn ein Partner den anderen verließ, gab es normalerweise ein Trennungsgespräch. Oder einen Brief, eine E-Mail, schlimmstenfalls eine SMS. Irgendetwas, das besagte »Ich trenne mich von dir« und in der Regel auch, warum. Kein Mensch verschwand einfach von jetzt auf gleich, es sei denn er starb oder wurde entführt. Bis auf Matthias. Der betrat einen Spalt im Erdboden und ließ sich bei bester Gesundheit von ihm verschlucken.

Es war an einem Mittwoch gewesen, und eigentlich hatte der begonnen wie so viele Tage in den letzten drei Jahren zuvor. Um 7:10 Uhr klingelte der Wecker an Julias Bett, so früh, dass Matthias noch zweimal die Schlummern-Taste drückte und sie beide kuscheln konnten. Dann stand Julia als Erste auf und ging unter die Dusche. Während sie anschließend ihre Haare föhnte, scheuchte Matthias sie kurz aus dem Bad, um die Toilette zu benutzen. Danach ließ er sie wieder rein, gab ihr einen Kuss und betrat selbst die Duschkabine. Julia liebte dieses kleine Ritual. Seinen starken, schönen Körper während des Schminkens im Spiegel hinter sich zu beobachten, gab ihr ein Gefühl von Geborgenheit.

Er musste gewusst haben, dass sie sich zum letzten Mal sahen.

Gegen 8:30 Uhr schnappte Julia sich die Autoschlüssel vom Küchentisch, um ins Büro aufzubrechen. Matthias frühstückte gerade Müsli mit Joghurt und Obst. »Schöne Grüße an Körner. Richte ihm aus, wie sehr er mir fehlt«, sagte er mit halbvollem Mund. Julia wartete, bis er runtergeschluckt hatte, und gab ihm lachend einen weiteren Kuss. »Das mache ich, mein Schatz, er wird sich sicher sehr freuen.« Matthias zwinkerte ihr zu. Diese Körner-Geschichte war ein Running Gag zwischen ihnen: Körner war Julias Chef und der Grund, warum Matthias vier Jahre zuvor das Unternehmen verlassen hatte. Das Revier war zu klein für zwei Alphatierchen.

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