Muss Liebe perfekt sein? Interview mit Wolfgang Schmidbauer

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschsprachigen Psychologen und Therapeuten und beantwortet in diesem exklusiven Interview die großen Fragen der Liebe

Wir haben Wolfgang Schmidbauer zu seinem neuen Buch “Coaching in der Liebe” (einen Auszug können Sie hier lesen) befragt.

Herr Schmidbauer, warum binden sich in Deutschland Menschen immer später? Welchen Einfluss hat der Wunsch nach Selbstoptimierung auf Partnerwahl und Bindungsbereitschaft?

Vermutlich wirken hier zwei Faktoren zusammen: Die Angst vor der falschen Entscheidung und überhöhte Erwartungen. In der Konsumgesellschaft werden wir dauernd mit überoptimalen Produkten versorgt. Ehe wir mit einem wirklich umgehen können, kommt schon das verbesserte Modell. Auf die Liebe richten sich die höchsten Erwartungen und damit auch der größte Druck: Sie muss perfekt sein, sonst habe entweder ich etwas falsch gemacht oder mein Gegenüber ist nicht die oder der Richtige. Wenn ich richtig lieben könnte, wenn ich den richtigen Partner fände, wäre alles gut – diese Haltung erschwert es sehr, Nähe zu entwickeln, sich mit einem Gegenüber so zu verbünden, dass Vertrauen und innere Sicherheit möglich werden. Es reicht nicht, Ansprüche zu stellen; das Gegenüber muss auch unterstützt werden, sie zu erfüllen. Nur so lässt sich die Ex und hopp-Mentalität in der Konsumwelt überwinden und ein Freiraum für die Liebe gewinnen.

Diese Qualitäten sind wichtig: Humor und Respekt

Im Alter werden sich die Verhaltensweisen, die sich immer schon andeuteten, eher verstärken. Worauf sollten Menschen bei der Partnerwahl also wirklich achten?

Da es in einer modernen Beziehung darum geht, Verhandlungsgeschick zu entwickeln und mit Unvollkommenheiten der Partner konstruktiv umzugehen, finde ich zwei Qualitäten besonders wichtig: erstens über Konflikte sprechen zu können, ohne die Liebesbeziehung zu entwerten – und sich nach Auseinandersetzungen schnell wieder zu versöhnen, ohne nachzurechnen, wer den ersten Schritt tut.  Und zweitens Humor – die Fähigkeit, auch unter widrigen Umständen zusammen zu lachen und zu genießen.

Einen Business-Coach zu beauftragen, ist vielen Menschen heute vertraut. Aber einen Beziehungs-Coach? Der Gedanke, dass sich die Liebespartner coachen, erscheint ungewohnt. Kann das jedes Paar und welche Voraussetzungen sollte es dafür mitbringen?

Es genügen Aufmerksamkeit und die Bereitschaft zu akzeptieren, dass Menschen verschieden sind – und ebenso ihre Vorstellungen von Liebe. Es war früher, als Ehe und Familie noch durch klare gemeinsame Normen geregelt waren, nicht so notwendig wie heute, ein Gegenüber darin zu unterstützen, die Rolle der Liebespartnerin oder des Liebespartners zu finden und zu festigen. Heute ist das unentbehrlich; glückliche Paare tun es, ohne darüber nachzudenken, anderen mag es helfen, sich angesichts der ersten Konflikte zu informieren.

Ich nenne das die Kunst des liebevollen Streits

Bei starker Erregung – beispielsweise bei einem Eifersuchtstreit – reduzieren sich menschliche Strategien auf Kampf oder Flucht. Mit welcher Strategie kann nach Ihren Erfahrungen ein Paar konstruktiv für Konfliktlösung und für Bindung dagegen ansteuern?

Indem das Paar von Anfang an nicht alle Differenzen leugnet, sondern übt, mit ihnen umzugehen. Ich nenne das die Kunst des liebevollen Streits – jemanden in seinen Schwächen zu sehen, ihn zu necken, ihm zu vermitteln, dass er nicht perfekt, aber doch liebenswert ist. Das verhindert dann in der Krise die totale Entwertung, das Kippen von der Bewunderung in Hass oder Rückzug.

Wolfgang Schiffbauer – Coaching in der Liebe Kreuz Verlag

Wolfgang Schmidbauer:
Coaching in der Liebe
19,99€
ISBN 978-3-451-61309-8
Verlag: Kreuz


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