Moderne Rollenverteilung: Gleiche Rechte, gleiche Pflichten

Stefanie Lohaus und Tobias Scholz teilen sich die Aufgaben junger Eltern 50/50. Warum das einfacher klingt als es ist und warum es sich lohnt, sagen sie im Interview

Papa kann auch stillen
Stefanie Lohaus & Tobias Scholz

Stefanie Lohaus und Tobias Scholz haben sich was vorgenommen: sie wollen sich um Sohn Johann gleichberechtigt kümmern, zu gleichen Teilen die eigene Karriere zurückstellen und dabei bestmögliche Eltern und natürlich ein liebendes Paar sein. Ein inspirierendes Modell, das viel Reflektionsvermögen fordert, aber auch viele neue Möglichkeiten bietet. Ihr Buch “Papa kann auch stillen” (Auszug hier) blickt tief in die Gedankenwelt junger Eltern, die neue Modelle der Arbeits- und Aufgabenteilung versuchen möchten.

Trotz bester Vorsätze: Viele Paare geraten in altes Rollenverhalten. Wie lässt sich nach Ihrer Erfahrung verhindern, dass die Anstrengungen am Ende nicht doch umsonst sind und ein Partner sich benachteiligt fühlt?

Scholz: Reden. Sich ganz viel ausmalen und zwar auch im Negativen: Was machen wir, wenn wir ein Schreikind haben, zum Beispiel. Und zwar am Besten bevor das Kind da ist. Sich wirklich bewusst machen, was für Eventualitäten es gibt, wie viel Geld es braucht und so weiter. Ich glaube, wenn Probleme in diesem Bereich auftreten, dann weil ein Paar sich eben nicht darüber im Klaren ist, wie stark ein Kind alles ändert und wie abhängig es voneinander wird.

Das Beziehungskonto, wenn es um Aufteilung von Hausarbeit geht, ist selten ausgeglichen. Aber ist es denn nicht auch ein Zeichen von Liebe, zugunsten des Partners zurückzustecken?

Lohaus: Nach dieser Logik liebt aber nur einer bzw. eine von beiden, nicht wahr? Natürlich muss ich im Zusammenleben mit anderen Menschen Kompromisse eingehen und auch mal verzichten. Aber eben nicht einseitig. Ich habe von meiner Großmutter so alte Hausfrauen-Ratgeberhefte aus den 1950ern geerbt. Da wird den Frauen genau dieser Blödsinn eingetrichtert: Liebe bedeutet, dass sie verzichten müssen. So ein Blödsinn. Liebe bedeutet gegenseitiges Geben und Nehmen.

Sie wollten zwar keinen Ratgeber schreiben, aber ganz im Sinne von Prof. John Gottmans Credo „Lernen von erfolgreichen Paaren“ ist „Papa kann auch stillen“ ein sehr inspirierender Erlebnisbericht geworden. Von welchen Rollenvorbildern haben Sie sich etwas abgeschaut?

Scholz: Von unseren Eltern. Wir hatten beide aktive Väter und arbeitende Mütter. Auch wenn die sich nicht die Arbeit so geteilt haben wie wir, die Mütter weniger gearbeitet haben, die Väter mehr, haben wir doch ein ganz gutes Gefühl für Gerechtigkeit von ihnen vermittelt bekommen. Der Unterschied zwischen der Generation unserer Eltern und uns ist ja auch der, dass früher Männer meistens besser ausgebildet waren und viel mehr verdient haben. Daraus ergab sich dann auch eine andere Arbeitsverteilung. Wir haben eine ähnliche Ausbildung und ein ähnliches Einkommen. Für uns macht 50/50 eben Sinn.

Lässt sich Sex verhandeln? fragt Wolfgang Schmidbauer. Bei welchen Themen waren die Verhandlungen schwieriger, bei welchen leichter?

Lohaus: Naja, verhandeln in dem Sinne nicht. Aber es ist gut, wenn man über Sex, sexuelle Bedürfnisse, Unsicherheiten ehrlich miteinander sprechen kann.

Scholz: Das beugt Missverständnissen vor und man kann auch eher damit umgehen, dass diese Bedürfnisse verschieden sein können.

Absprachen: Immer wieder stellt ein Paar fest, dass vorab getroffene Absprachen in der Praxis doch nicht so gut funktionieren. Wie überprüfen Sie Ihre Absprachen?

Scholz: Das ist erst mal ein Gefühlsding. Wenn einer von uns das Gefühl hat, etwas ist aus dem Gleichgewicht geraten, oder funktioniert nicht, dann sprechen wir das an. Manchmal stimmt das dann im Abgleich vielleicht gar nicht – die eigene Wahrnehmung ist ja immer auch eine subjektive und vielleicht sehe ich schlichtweg nicht, was Stefanie alles macht. Wenn es stimmt, dann ändern wir die Routinen und schauen, wie es sich entwickelt.

Lohaus: Ein Beispiel: Gerade ist Johann nachts sehr ängstlich, träumt viel. Deswegen schlafe ich seit zwei Wochen bei ihm im Zimmer, weil er ansonsten mitten in der Nacht hellwach wird und uns alle weckt. Tobi hat einen leichten Schlaf und kann nicht mit ihm in einem Raum schlafen. Mir macht das weniger aus, deswegen mache ich das. Morgens wenn er um sechs Uhr wach wird, nimmt Tobi ihn dann und ich kann nochmal eine Stunde schlafen. Wenn er hoffentlich mal wieder durchschläft ändern wir das dann wieder …

In der Einführung betonen Sie, dass Aufgabenteilung bei gleichgeschlechtlichen Paaren nach Ihrer Beobachtung gleichberechtigter erfolgt. Gibt es noch etwas, dass sich heterosexuelle Paare von homosexuellen Paaren abschauen könnten?

Lohaus: Interessanterweise habe ich nun, seit das Buch erschienen ist, von ein paar lesbischen Paaren die Rückmeldung bekommen, dass die biologische Mutter mehr an das Kind gebunden ist, und dass sie auch aufpassen müssen, dass sich nicht so ein klassisches Rollenmodell einschleicht. Es ist also nicht automatisch anders. Ich hatte für das Buch zwei Beispiele aus meinem Bekanntenkreis und dann ein paar Studien gelesen. Die eine Studie meinte, dass Kinder gleichgeschlechtlicher Familien glücklicher wären, weil sie zufriedenere Eltern hätten. Zufrieden, weil sie ihren Neigungen nachgehen würden, unabhängig von Geschlechterrollen. Das ist bestimmt eine gute Idee. Ansonsten habe ich nicht den Eindruck, es gäbe irgendwelche Unterschiede.

Vielen Dank für das Interview! 

Cover_Papa kann auch stillen
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Einen Auszug aus “Papa kann auch stillen” rund um die ersten, bewegenden 96 Stunden mit Baby lesen Sie hier.
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