Wie die Disneyfizierung unserer Liebe schadet

Die Disneyfizierung der Liebe ist der Sieg des Einfachen

Die Disneyfizierung der Liebe ist der Sieg des Einfachen über das Vielschichtige, das Komplexe und das Widersprüchliche. Wir sehen die Ziele und blenden den Weg dorthin aus. Und vergessen, dass das Leben ein Weg mit vielen Höhepunkten aber ohne jeden Status Quo und ständiger Veränderung ist, und der mit einem Abschied endet und nicht mit “Happily Ever After”.

“Welche Disney-Prinzessin bist du?”, fragt ein Quiz auf Facebook. “Wenn du stürzt, dann einfach Krone aufrichten und weitergehen”, rät eine Kalenderweisheit. Ich glaube nicht, dass uns dieser Märchen-Quatsch gut tut. Nicht als Person, nicht als Paar, nicht als Gesellschaft.

Die Liebe wird durch falsche Vorbilder überromantisiert. Paare in den Medien sind grundsätzlich “traumhaft”, sie sind “bestimmt füreinander”. Das alles klingt doch sehr nach Snow White und Aschenputtel. Die Schwarze Königin ist dann unser innerer Schweinehund, der uns vom Fitness-Training abhält, damit wir überhaupt in die märchenhafte Garderobe aus dem Wedding-Katalog hineinpassen.

Ein richtiger Heiratsantrag wird als Flashmob inszeniert und die ersehnte Trauung ist ein Konzentrat aus pink-goldenem Hochzeitsblog, DIY-Pinterest und aktuellen Kardashian-Trends. Als vor einigen Jahren der Begriff AMEFI eingeführt wurde, um zu beschreiben, wie anspruchsvoll wir in der Liebe geworden sind, nämlich Alles Mit Einem Für Immer, da gab es Pinterest noch nicht und kein Instagram, die diesen Wunsch auf die Spitze treiben. Heute steigern wir den AMEFI-Gedanken zur Beziehungsvermeidung.

Die Liebe wird durch falsche Vorbilder überromantisiert

Wofür unsere Großeltern ein ganzes Dorf hatten, das soll heute ein Partner aus- und erfüllen. Ein Leben lang. Wer das schafft, wäre wahrhaft perfekt. Drunter lohnt sich der Stress nicht und außerdem droht beim Erwachen aus dem Traum Trennungssschmerz und Liebeskummer. Dann lieber doch nicht, also: „Da bleibe ich lieber allein.“

Es ist keineswegs so, dass es nicht viele dennoch versuchen würden. Sie kommen nur leider oft nicht weit. Wenn die Verliebten nach sechs Wochen oder drei Monaten feststellen, da wäre fürs Beziehungsglück nach oben noch viel Luft und beim Partner erhebliches Entwicklungspotenzial – dann wird lieber nach Ersatz Ausschau gehalten. Oder ganz aufgegeben. Irgendwie war es nicht der / die Richtige. Es war vielleicht auch keine Liebe auf den ersten Blick – so im Nachhinein. Hatte der blinde Amor eventuell nur einen Pfeil verschossen, der doofe Kerl?

Diese Erwartung an das immerwährende Glück zu zweit ist Ausdruck einer tiefen Verunsicherung über die Zukunft, die uns möglicherweise schlechter stellt als unsere Eltern. Das lesen wir und das sagen sie uns überall. Ob es stimmt? Das ist nicht wichtig. Wir haben es längst verinnerlicht.

In Berlin leben unzählige Singles. Ich frage mich: Die laufen sich doch ständig über den Weg. In der U-Bahn, in den Straßen-Cafés und im Supermarkt. Weshalb finden die eigentlich nicht zueinander? Es kann doch nicht sein, dass die alle nicht „zusammenpassen“.

Zu viele von ihnen fühlen sich als Prinzen und Prinzessinnen, fürchte ich. Die Prinzen haben Angst, etwas zu verpassen. Die Prinzessinnen haben Angst, nicht zu bekommen, was sie sich wünschen.

Ich glaube fest und aufrichtig an glückliche Beziehungen. Dass sie möglich sind. Aber wir müssen uns auf sie einlassen mit all unseren Schwächen und Sorgen und Nöten.

Das Unperfekte macht Angst, weil wir denken, wir würden dadurch die Chance auf das Perfekte aufgeben. Wie gesagt, dabei wissen wir ganz genau, dass es Perfektion eigentlich nicht gibt. Die Disneyfizierung der Liebe hat uns mutlos und ängstlich gemacht.

Und damit sollten wir Schluss machen, denn dazu ist die echte Liebe viel zu schön.


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