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Wie liebt es sich als depressiver Mensch?

Ich weiß nicht, ob wir generell anders lieben oder ob nur ich das Gefühl habe, dass es so ist, weil Depressionen haben von unserer Gesellschaft noch immer mit „nicht normal sein“ gleichgesetzt wird, doch wenn ich liebe, dann sehr intensiv. Wenn ich mich frisch verliebe, dann ist das so, als kämen mit einem Mal alle Gefühle hoch, die ich viel zu lange nicht gespürt habe. Es überrascht mich meistens selbst, dass ich das fühle, dass ich so viel fühle, wo ich mich oftmals gar nicht spüren kann. Liebe heilt allerdings keine Depression, auch wenn ich mir das ganz oft wünsche und so kann ich selbst in der glücklichsten Beziehung in Phasen verfallen, in denen es mir alles andere als gut geht. Ich höre dann allerdings nicht auf zu lieben. Ich kann zwar nicht mehr fühlen, was in mir drin wirklich passiert, doch ich kann Zärtlichkeiten auf der Haut spüren und anderen Menschen Wärme spenden, selbst wenn in mir eisige Gefühlskälte herrscht, die auf die Depression zurückzuführen ist.

Für das Umfeld ist das schwer und vor allem schwer zu verstehen, obwohl ich immer sage, dass das Gefühl einer richtigen Depression eigentlich jeder kennt. Es ist dem Liebeskummer nämlich recht ähnlich, diesem ganz schlimmen, bei dem man nicht richtig schlafen, essen oder denken kann und glaubt, nie wieder glücklich zu werden. Eine depressive Episode lässt sich nicht mit Umarmungen, heißem Tee oder Schokolade bessern, was bei Liebeskummer manchmal vielleicht schon der Fall sein kann und doch ist man dankbar für jeden Menschen, der wenigstens versucht, da zu sein oder bleibt, selbst wenn es uns echt über Wochen hinweg miserabel geht. Niemand soll sich aufopfern für uns, denn behandeln können eine Depression sowieso nur Ärzte und Therapeuten. Zu sehen, wie ein anderer Mensch sich selbst nahezu aufgibt, um für einen depressiv Erkrankten da zu sein, kann alles noch viel schlimmer machen, weil man selbst handlungsunfähig ist. Dabei brauchen wir niemanden, der unser Leben mit in die Hand nimmt, sondern lediglich jemanden, der uns auch in der Zeit seine Hand reicht und der versteht, dass die Liebe, die in uns ist, nicht erloschen ist, sondern nur von einem Dunkel überschattet, das zu diesem Zeitpunkt stärker ist als wir.

Allen Menschen mit Depressionen, die ich bisher kennenlernen durfte, ist vor allem eins gemein: dass sie die Momente, die nicht von ihrer Krankheit überschattet werden, ganz besonders intensiv genießen. Und dass sie durchaus auch während dunkler Tage dazu fähig sind, aus vollem Herzen zu lieben, auch wenn man das nicht immer sieht.

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Über den Autor/die Autorin

Jana Seelig

Jana Seelig ist jung und schön, sie hat einen großen Freundeskreis, sie liebt ihren Beruf – und sie hat Depressionen. Es gibt Tage, an denen geht gar nichts. Dann muss sie sich oft gut gemeinte Ratschläge anhören, die zeigen, wie wenig ihr Umfeld eigentlich versteht, wie es ist, wenn man nichts mehr fühlt.