Ist Liebe eine Gleichung?

Viktoria Schedel sucht in ihrem Leserbeitrag die richtige Formel für die Liebe. Mit Sinuskurve, zwei Unbekannten und ganz ohne Taschenrechner

Ist die Liebe nicht ein wenig wie eine Gleichung? Am Anfang hat man eine Aneinanderreihung verschiedener Zeichen und am Ende soll all‘ das einen Sinn ergeben. Zwei Unbekannte treffen aufeinander und nachdem man alles penibel auseinanderklamüsert hat, müsste man logischerweise das finale Ergebnis erhalten. Gleich oder ungleich. Passend oder unpassend. Es werden Wahrscheinlichkeiten abgewogen, Chancen errechnet und Phasen durchlaufen.

Das sind die Phasen, die nur rückblickend keine Bauch- und Kopfschmerzen bereiten. Wendepunkte, Tiefpunkte und Höhepunkte sind genau genommen die wesentlichen Stationen des Miteinanders zwischen Mann und Frau, zeitlich unabhängig und schwer berechenbar. Denn wir rechnen mit Unbekannten. Umso mehr freuen wir uns, wenn wir mit dem anderen Geschlecht auf einen Nenner kommen und unsere Herzen im Sinusrhythmus schlagen. Das klingt nach einem geradlinigen Kennenlernen, einer kongruenten Weltanschauung und somit nach einer zweifellos rosigen gemeinsamen Zukunft.

Gibt es eine Formel der Liebe?

Irgendwann ist man am Höhepunkt angelangt, wenn es nicht mehr weiter hoch geht. Dann heißt es bleiben oder absteigen. Das ist dann meist der Wendepunkt, der Moment, indem sich entscheidet, ob man den anderen auch ohne die rosarote Brille noch gut sehen kann und das auch weiterhin will. Drum prüfe wer sich … und so weiter – Sie wissen Bescheid – da hilft für den Moment nur logisch denken und strategisch verfahren. Ziel fokussieren, Emotionen eintüten und mit Herz und Verstand ja sagen. An dieser Stelle stellt man sich ja oft Fragen wie: Kann das wirklich sein, dass es so toll ist wie es sich anfühlt? Wo ist der Haken? Wenn man erstens mit ja und zweitens mit nein beantworten kann, sprechen wir von einem klaren Etappensieg. Zwischenstand: läuft – Grenzwert: unendlich. Das Gefühlskarussell wird durch wieder wahrnehmbare Realitätseinflüsse ein wenig abgebremst und man schaukelt sich auf ein angenehmes Level ein, das weder mit den notwenigen Alltagsroutinen, noch mit dem Herz-Kreislaufsystem kollidiert. Die Gleichung erhält eine Konstante.

Nun geht die Reise gemeinsam weiter. Würden wir uns stets auf einer Geraden bewegen, wäre die Entscheidung, in welche Richtung wir gehen wollen, kleiner drei. Und manchmal ist da noch eine zweite Meinung, mit der man in einer Beziehung nun mal rechnen muss. Ich glaube, dass es die Regeln sind, die wir uns selbst auferlegen und unsere persönliche Erwartungshaltung, die es schier unmöglich scheinen lassen, dass wir den „richtigen“ Weg einschlagen. Und was wäre dann überhaupt richtig? Die Blockade ist perfekt. Error im Betriebssystem. Führt zu keinem Ergebnis. Ist ein bisschen wie durch Null teilen. Hallo Tiefpunkt.

Überzeugung ist der Motor und die Belohnung die Motivation

Wie kommen wir da wieder raus oder besser – wieder hoch? Vielleicht sollten wir manchmal nach den Regeln des Lebens spielen. Will sagen, Dinge die wir nicht erdenken und nicht im Formelbüchlein der Lebensmathematik nachschlagen können, sollten wir getrost auf uns zukommen lassen. Immerhin ist ja der Weg das Ziel. Sagt man doch so. Also einfach treiben lassen. Die Überzeugung ist unser Motor und die Belohnung unsere Motivation. Was die Belohnung ist? Ganz klar – ein Miteinander auf Augenhöhe, eine Liebe die mehr gibt als das sie nimmt und individuell beglückt.

Nun sind X und Y schon lange keine Unbekannten mehr. Was so klingt, als wäre es eine gute Voraussetzung, mit mehr Information übereinander einfacher und schneller zu einem positiven Ergebnis zu kommen, ist oft ein Trugschluss. Am Anfang mag da eine recht kurze Gleichung stehen. Doch im Laufe der Zeit erweitern wir sie durch andere Unbekannte, neue Zahlen und erhalten neue Schnittmengen. Wir addieren Lebensräume, multiplizieren unsere Gene und schaffen so immer wieder Teilergebnisse.

Was am Ende bei X und Y unterm Strich steht, können wir also vorher nicht berechnen, einfach deshalb, weil all‘ die Einflüsse unmöglich abzusehen sind. Zum Glück, wie ich finde. Denn das finale Ergebnis wäre auch gleich das Ende. Manchmal reicht es, noch rechtzeitig einige Schritte zurückgehen, zurück an den Ausgangspunkt, an dem die Dinge noch rund liefen – ein bisschen wie Systemwiederherstellung. Wenn das nicht mehr funktioniert, lösen wir X und Y nach Null auf, mit einer Teilmenge an gemeinsam verbrachter Zeit, gemeinsamen Freunden, Urlauben und Erlebnissen und manchmal auch mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner, auch Kind genannt.

Ich komme für mich zum Schluss, dass die Mathematik der Liebe nicht so fern ist, wie man meinen mag und glaube dennoch daran, dass wir den Taschenrechner getrost bei Seite legen können. Denn so bemüht wir auch sein mögen, im Streben nach dem unendlichen Glück, sind es doch die Dinge, die wir nicht erahnen oder berechnen können, die unser Leben und unsere Beziehungen so spannend machen. Lassen wir X und Y ungelöst, denn hier machen Basiswerte, wie gleiche Ansichten, gleiche Vorlieben und vor allem die Liebe zueinander, die wunderbare Gleichung des Lebens aus.

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