Ist Ihre Liebe weniger wert?

Mit dem Ideal der Liebesheirat haben wir das Recht auf Liebe für jeden Menschen anerkannt. Jetzt streiten wir über ihren Wert

Als Sie Ihren Partner kennen lernten: War es Liebe auf den ersten Blick? Oder haben Sie einander tausendmal berührt und dann kam die tausend und eine Nacht und es hat Zoom gemacht? Wächst die Liebe wie eine Pflanze in einem Garten, in dem sie gepflegt und beschützt wird oder ist sie ein Schicksalsding, das plötzlich da ist und bleibt – oder auch wieder verschwindet? Und wenn sie wächst: woraus erwächst sie? Und wenn das Schicksal sie lenkt: Sind wir ihr machtlos ausgeliefert?

Ist Liebe Schicksal?

Liebe wird vermessen, geplant, verkauft und gelebt. Sie entsteht aus Gewohnheit und endet in Hass. Sie ist Biochemie und Glaube. Sie durchdringt uns und alles um uns herum. Sie ist die Lust, ein Lied, die Schöpfung, die Antwort auf die und alle Fragen. Und sie ist für jeden etwas anderes.

Sind Sie stark genug, die Liebe, die andere leben, gleichberechtigt zu der Ihren leben zu lassen? Oder ist Ihre Liebe ein Appell, eine Mission? Müssen Sie mit Ihrer wahren Liebe Andere aus deren Unglück einer minderwertigen Liebe retten?

Ich frage Sie das, weil ich von Berufs wegen immer wieder gefragt werde: Wie funktioniert das Verlieben? Im Internet? An der Käsetheke? Im Club? Und ganz oft schwingt da die Frage mit: „Ist das überhaupt Liebe?“ Also: Kann denn sein, was ich nicht kenne, was ich mir nicht vorstellen kann?

„Liebe liegt in der eigenen Hand“, ist nach Ansicht der FAZ-Autorin Somona Pfister nur eine Verheißung, ein Marketing-Spruch. „Genau das macht Liebe ja so beängstigend: Sie lässt sich nicht kontrollieren. Nicht berechnen, nicht planen, nicht erwerben. Sie ist ein Geschenk.“

Susanne Wendel und Frank-Thomas Heidrich haben geplant und Ihr Glück in die eigenen Hände genommen. Sie haben ein Buch über ihre Liebesgeschichte geschrieben (“Wie wär´s mit uns Beiden”, Horizon-Verlag). Die zwei versuchten es ohne große Gefühle. Die Liebe kam erst später dazu. Heute sind sie eine glückliche Familie.

Es gibt die in Liebesdingen schicksalsorientierten oder wachstumsorientierten Menschen: Die einen vertrauen darauf, dass die Liebe auf den ersten Blick mehr ist als sexuelle Anziehungskraft und die anderen, dass aus besten Freunden irgendwann Liebende werden können.

Muss man sich Liebe verdienen?

In der Beratung erlebe ich sowohl die einen als auch die anderen Paare und ich kann Ihnen versichern: Sie unterscheiden sich nicht in den Herausforderungen Ihrer Beziehungen. Sie müssen auf die Veränderungen von innen und außen reagieren, als Individuen und als Paar. Die Werkzeuge, mit denen sie arbeiten, ihre Partnerschaft zu bewahren und die Liebe zu leben, die sie haben, sind gleich: Fürsorge, Vertrauen, Rücksicht, Kompromissbereitschaft, Ehrlichkeit, Respekt, Anerkennung, Zuversicht, Optimismus… So viele Beziehungen es gibt, so viele Anleitungen gibt es.

Aber nach meiner Meinung ist keine Beziehung deshalb weniger wert.

Mich ärgert, wenn Menschen aus der eigenen Wahrnehmung heraus ihre Sicht zum Maßstab erheben. Wenn der Altersunterschied eines Paares als „zum Scheitern verurteilt“ abgetan wird. Wenn ein kinderloses Paar “seine Pflicht nicht erfüllt” hat. Wenn die verächtlich „Homo-Ehe“ genannte Lebenspartnerschaft eine „minderwertige Ehe“ ist. Und auch wenn die Liebe, die im Internet ihren Anfang nahm, erst einmal hinterfragt werden muss.

Ist eine andere Liebe mehr wert?

Vergangene Woche fragte mich, anlässlich eines Artikels zum Online Dating, ein Redakteur: „Ist die Partnersuche mittlerweile in der Gesellschaft angekommen? Wer nutzt das? Ist das heute normal oder gibt es noch Vorurteile?“ Ich kenne diese Frage gut und ich habe darauf eine Antwort parat:

Heute kennt jeder mindestens ein Paar im Bekanntenkreis, das sich über das Internet gefunden hat. Wir leben in einer digitalen Welt, in der wir uns privat und im Beruf permanent online aufhalten. Es wäre schrecklich, wenn die Liebe nicht einen Weg ins Digitale gefunden hätte und wir auf sie verzichten würden. Es wird immer Alternativen geben für Menschen, denen diese Kontaktaufnahme nicht liegt. Doch eine Generation, die mit Facebook und Whats App groß wird, zieht die Grenzen zwischen online und offline sowieso ganz anders, als dass diese Frage noch lange gestellt werden wird.

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Liegt Liebe in der eigenen Hand? Und wenn nicht: in wessen?

Gibt es Liebe, die wertvoller ist als eine andere? Und wenn: wer beurteilt das?

 

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