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Hochsensibel geboren

Es war schön, auf dem Schlossbalkon zu stehen. Obwohl der Ausblick auf die Masse mich überwältigte, befand sich die Menschenmenge in gebührendem Abstand. Dort oben besaß ich die Kontrolle. Anderswo war es schlimmer. Ich kann mich erinnern, dass ich als Zehnjährige eine Heidenangst hatte vor Mittelgängen und vor Menschen, die mir zu nahe kamen.

Mittelgänge in Kirchen waren am schlimmsten. Im Kulturhaus, in Sportstadien und anderen Versammlungsstätten hatte dieser Gang in der Regel einen Knick oder eine Kurve. Der Mittelgang in den Kirchen aber, ob in der großen Kirche in Asker oder in der kleinen Kapelle am Holmenkollen, hatte keinen einzigen Knick. Der war von hinten bis ganz vorn eine einzige gerade Linie. Und er war schmal.

Ich sehe es noch immer vor mir. Ohrenbetäubende Stille. Niemand rührt sich. Und dann kommt es: Rump … rumpum-pumpumpump … rump. Dieses ganz eigene Geräusch, wenn alle Leute sich erheben. Große, schwere Türen gehen auf, sie eröffnen den Blick aus dem Licht draußen auf die lange gerade Linie in dem dunklen Raum. Die Stimmung ist ernst, leicht erhaben. Dann ziehen wir in einer Prozession ein. Langsam. Still. Feierlich.

Als Prinzessin hatte ich den niedrigsten Rang inne. Deshalb kam ich immer zuletzt. Hinter Großvater, Vater, Mutter und Haakon. Sicherlich war es gar nicht so, aber ich hatte das Gefühl, als richtete sich die Aufmerksamkeit von beiden Seiten des Mittelgangs nur auf mich, ganz massiv. Schritt für Schritt ging ich mit gesenktem Haupt dahin. Mein Blick war auf den Kirchenfußboden geheftet, niemals wagte ich jemandes Blick zu begegnen. Ich war mir sicher, nicht nur beobachtet, sondern auch verurteilt zu werden. Und ich wusste nicht, ob ich das überleben würde.

Ich habe keine Ahnung, woher solche Gedanken kamen. Sie waren dramatisch und handelten oft von Schuld. Als Kind hatte ich ständig Angst, dass irgendetwas meine Schuld sei. Dass ich verkehrt sei.

Deshalb sah ich zu Boden.

Erst ein halbes Leben später bekam ich die erlösende Wahrheit zu hören. Hätte ich gewagt, den Blick zu heben, hätte ich nur ein einziges Mal versucht, zur Seite oder nach vorn zu schauen, so hätte ich etwas Schönes entdeckt. Ich hätte lächelnde Augen gesehen. Wohlwollende Gesichter.

Niemand wollte mir etwas Böses. Sie meinten es gut mit mir. Ich war lediglich ein Kind mit sehr intensiven Gefühlen. Ich hatte eine reiche Fantasie und riesige, auf die Welt gerichtete Antennen. Blickkontakt – und den Blicken anderer ausgesetzt zu sein, ohne dass ich die Kontrolle besaß – war für mich besonders schwierig.

Ich fühlte mich wie Freiwild in einer offenen, ungeschützten Landschaft.

Hochsensibel geboren

Prinzessin Märtha Louise

ISBN: 978-3-442-22238-4

Verlag: Goldmann

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