Liebe muss auch wehtun

Marie Meimberg erhebt das Scheitern zur Kunstform. Das gilt auch für die Liebe. Ein Auszug aus ihrem Bestseller “Sei du selbst, alles andere wirst du eh verkacken”

Ich war eine wirklich gar nicht mehr kleine Marie, da war ich fest davon überzeugt, die Liebe meines Lebens gefunden zu haben. Die eine. Beste Liebe ever.

Ich war mir ziemlich sicher, dass er es war, schließlich hatte ich seit Hanno so einige Menschen geküsst. Aber mit ihm fühlte es sich anders an. Als sich unsere Lippen zum ersten Mal berührten, dachte ich, die Welt bleibt stehen. Und ja, das mag auch daran gelegen haben, dass wir beide sehr bekifft waren und die Zeit ohnehin sehr, sehr langsam verging. Aber er war ein wunderbarer Küsser.

Und von da an waren wir wie eine Person. Menschen machten aus unseren Namen einen. Und so war ich von nun an die Mariusmarie. Man könnte jetzt an ein eklig-schleimiges Kitsch-Paar denken, das sich ständig ansäuselt und alle Menschen in der näheren Umgebung entweder dazu bringt, übertrieben bewundernde Ahs und Ohs aneinanderzureihen. Oder im Strahl zu speien.

Aber wir waren wirklich cool. Und das erste Jahr war einfach ein wundervoller, intensiver Liebes-Trip. Die Sache war nur die, dass der Trip so intensiv war und wir so sehr Mariusmarie, dass wir uns alles erzählten. Wir vertrauten uns Dinge an, von denen sonst niemand wusste. Und gerade bei Marius waren dies Geschichten, die allein dadurch, dass er sie mir erzählte, Abgründe auftaten.

[columns ] [column size=”1/2″]Liebe ever Meimberg[/column] [column size=”1/2″]Ich fand das romantisch. Die Vorstellung, der erste Mensch auf der Welt zu sein, dem er sich anvertraut. Dem er überhaupt vertraut. Das war für mich genau das, was ich mir vorstellte. Unter dieser einen größten Liebe ever.

Und ja, Liebe muss auch wehtun. Auch Drama sein. Dachte ich. Sonst wäre es doch nicht die eine, große Liebe, über die so viele Menschen Lieder sangen.
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Und poetische Zeilen schrieben. Und so stellte ich das immer größer werdende Drama, die Psychoseite meiner größten Liebe ever, nicht in Frage.

Wenn ich könnte, würde ich eine Runde an der Zeitmaschine drehen und meinem damaligen Ich stecken, dass Romeo und Julia nicht romantisch sind. Sondern irre. Wirklich. Spätestens wenn am Ende einer »größten Liebe-Geschichte ever« beide tot sind, sollten die Alarmglocken angehen.

Wenn dir ein Typ oder ein Mädel sagt, dass er oder sie sich für dich umbringen würde oder sich umbringt, falls du ihn oder sie verlässt, dann solltest du keinen Ehering holen, sondern Hilfe. Das ist nicht schön. Das ist krank. Und kein Mensch sollte mit einer solchen Verantwortung leben. Und das Liebe nennen. Niemalsnie.

Denn wenn man das tut, dann macht man einfach alles, damit diese eine Person, diese größte Liebe ever, glücklich ist.

Man hat sie gerettet. Wie in einem Märchen von der bösen Hexe befreit. Von nun an ist man auf der Flucht. Und jeden einzelnen Tag dafür verantwortlich, dass die böse Hexe einen nicht einholt.

Und ich will die böse Hexen-Metapher nicht überstrapazieren, aber das Problem an einer ewig langen Hexen-Flucht ist, dass man irgendwann paranoid wird. Hinter jedem Baum, hinter jedem Rascheln vermutet man Schlimmes. Bis man irgendwann nicht mehr schlafen kann. Die Kraft verliert. Weil man alles, was man hat und geben kann, gibt. Ohne Grenzen. Man ist ja die Mariusmarie.

Und so gab ich alles. Bis wir eines Morgens in Freiburg in meinem WG-Zimmer-Bett lagen – nach Jahren von Dramen, die Romeo und Julia wie eine RomCom aussehen lassen.

Ich war gerade von Hamburg weggezogen und hatte eine völlig abgefahrene WG gefunden: Ein ehemaliger Puff mit entsprechend witzigen Zimmern. Mein Mitbewohner Marian zum Beispiel wohnte im ehemaligen »Römischen- Wirlpool-Raum«, der überall mit Spiegeln und Marmor- säulen verkleidet war. Ich wäre durchgedreht da drin. Aber Marian war auch ohne Marmor und Co. schon ziemlich abgefahren. Er studierte Schauspielerei und lief hauptsächlich im Bademantel rum. Ob es da irgendeinen Zusammenhang mit dem »Römischen-Wirlpool-Raum« gab, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass er gerne mal unsere vegetarische Yoga-Mitbewohnerin ärgerte und Fleisch in ihrer Pfanne zubereitete. Ohne danach abzuspülen. Das führte dazu, dass wir regelmäßig kleine Biotope in unserem Ex-Puff züchteten. Und dass unsere Yoga-Mitbewohnerin stinksauer auf Marian war. Er tat dann immer so, als wäre ihm das völlig egal. Weil er ja angeblich nur schauspielerische Charakterstudien durchführte. Aber eigentlich war er ein wirklich lieber Typ. Der gerne im Mittelpunkt stand. Und geliebt werden wollte.

Marius und ich lagen auf jeden Fall im Bett meiner neuen WG, hörten draußen die Yoga-Mitbewohnerin schimpfen und Marian lachen. Also ein Morgen wie immer. Bis er zu mir sagte:

Ich glaube ja, wenn Frauen Männer lieben, dann müssen sie »les petites choses vite fait, bien fait« machen. Weil Männer den Frauen immer zuhören müssen. Und das ist ein fairer Ausgleich. Die Frauen machen den Männern »les petites choses vite fait, bien fait«. Die Männer hören den Frauen zu. Das ist Liebe.

Ich lag einfach nur da. Und brauchte einen Moment, um zu verstehen. Und noch einen, um zu verstehen, dass er das wirklich meinte. Nach all den Nächten der Hexen-Flucht? Nach all dem Geben. Ohne Grenzen. War es dieser eine Moment, in dem mir klar wurde, wie krank unsere größte Liebe ever war.

Ich schmiss ihn raus. Aus mir. Aus meinem Bett. Der Wohnung und meinem Leben. Für immer. Und schrieb meinen ersten Poetry-Slam-Text.

Sei du selbst Marie Meimberg Sei du selbst, alles andere wirst du eh verkacken
Marie Meimberg
ISBN: 978-3-492-30851-9
Verlag: Piper
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