Vielen Dank für die Trennung

Erst danach kann man beginnen, sich ernsthaft Gedanken über die Motive des anderen zu machen, und irgendwann vielleicht sogar versuchen, ihn zu verstehen. Denn auch wenn mir einige wirklich hoffnungslos verfahrene Situationen mit extrem hässlichen Details zu Ohren kamen, so lassen sich die meisten anderen Trennungsgeschichten mit etwas Abstand doch unter der Überschrift “Such is life, try to learn” lesen.

Diese entspanntere Betrachtungsweise stellt sich meiner Erfahrung nach frühestens zwei Jahre nach der Trennung ein, und auch nur dann, wenn es gelungen ist, nicht einfach in den Hass abzubiegen, weil man meint, den Schmerz nicht aushalten zu können. Das Nachlassen des Kummers eröffnet der Seele einen direkteren Zugang zu den Gründen des Scheiterns. So manche Frau, die anfangs in ihrem abtrünnigen Ex nur noch ein liebloses, treuloses, triebgesteuertes Monster sah und reflexartig auf Kriegserklärung schaltete, beginnt auch seine Not, seine Gründe, seine Trauer und möglicherweise sein Bedauern zu bemerken.

Auch er hat etwas verloren, auch er hat eine ganz eigene Geschichte, die, wenn man sich darauf einlässt, verblüffend folgerichtig klingen kann. Und so mancher Mann, der seine Ehemalige schon länger als nörgelige, geldgierige, trotzfrigide Zicke wahrnahm und genervt das Weite suchte, fragt sich mit einigem Abstand, wann sie so geworden ist, warum eigentlich und ob überhaupt. In dieser Phase kann es nicht schaden, den Prozess immer mal wieder gemeinsam mit einer dritten Person zu betrachten, um die Kampfhandlungen endlich in konstruktive Gespräche umzuwandeln.

Um warmherzige Diplomaten in eigener Sache zu werden, müssen wir vor allem die Nerven behalten und der vergehenden Zeit vertrauen. Logischerweise konnte ich erst beginnen, mit anderen Frauen zu arbeiten, als ich selbst der Phase der Erbitterung entkommen, friedfertig und versöhnlich geworden war.

Ulrike Stöhring

Vielen Dank für alles

ISBN-13 9783864930546

Verlag: Ullstein

 

 


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