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Social Freezing – Einmal Familienplanung auf Eis, bitte!

Erst die Karriere, dann die Liebe. Familie? Hat doch noch Zeit, oder? – Paare bekommen immer später Kinder

Täglich ist der Reproduktionsmediziner Björn Horstkamp mit den Folgen dieser Entwicklung beschäftigt. Doch was tun, wenn die Biologie irgendwann nicht mehr mitspielt – und der Nachwuchs „auf den Punkt“ ausbleibt? In seiner Praxis entscheiden immer mehr Frauen, sich von den Gesetzen der Biologie unabhängig zu machen: sie lassen sich ihre Eizellen einfrieren. Das aus den USA kommende „Social Freezing“ ist auf dem besten Weg, auch in Deutschland die Trendlösung zu werden, um die Kinderfrage auf unbestimmte Zeit zu vertagen.

Berlin. Dienstagnachmittag, eine Seitenstrasse am Ku´damm. Um die Ecke flanieren Touristen an den Begehrlichkeiten weckenden Auslagen der Luxusausstatter vorbei. Hier im ersten Stock der Uhlandstrasse 20 – 25 geht es um die Erfüllung weit elementarerer Sehnsüchte. An den Wänden moderne Kunst, in warmen Rottönen. In den Fluren eingelassene Zweier-Sitznischen mit vielen Kissen statt kühler Wartezimmerbestuhlung. Pinnwände mit Babyfotos zwischen Behandlungsräumen und Labor zeugen von den erfüllten Missionen der Fachleute für Fruchtbarkeit. Um die 5000 Patientinnen betreuen der Leiter der Praxis Dr. Björn Horstkamp und seine Kollegen inzwischen in der Praxisklinik jährlich. Sie behandeln vor allem Paare, bei denen es nicht mehr einfach mal so eben klappt mit dem heißersehnten Nachwuchs. Häufig, weil die Entscheidung für Kinder zu lange hinausgezögert worden ist. Das Durchschnittsalter für das erste Kind steigt seit Jahren an – und liegt bei Männern inzwischen bei 35, bei Frauen bei 31 Jahren. Unter Akademikerinnen bleiben inzwischen ganze 40 Prozent kinderlos. Denn die Entscheidung für oder gegen Kinder lässt sich eben nicht ewig aufschieben: Ab etwa 35 Jahren sinkt die Qualität der weiblichen Eizellen deutlich, dann wird es naturgemäß kompliziert…

Eiskalte Strategie oder weise Voraussicht?

Foto-1Seit Ende letzten Jahres boomen im Kinderwunschzentrum die Anfragen von Frauen, die sich ihr Erbgut zur Sicherheit einfrieren lassen möchten. Ein Trend, über den sich der Reproduktionsmediziner freut, weil er oft mit Fällen zu tun hat, in denen es „einfach zu spät ist – und man ahnt, was für tolle Mütter aus den Frauen hätten werden können“. „Täglich sitzen Mitte 30-Jährige bei mir“, so Horstkamp, „und erzählen, dass ihre langjährige Beziehung zu Bruch gegangen ist. Und dass sie unmöglich einem neuen Partner gleich zu Beginn die Schwangerschaftspistole auf die Brust setzen können. Oder, dass sie sich erst mal um ihre Karriere kümmern wollen, bevor sie über Kinder nachdenken möchten.“ Eine Situation, in der der Arzt gerne hilft, Druck zu nehmen: „Das rechtzeitige Einfrieren von Eizellen bietet einen psychologischen Entspannungsmoment, der in der Folge auch spätere spontane Schwangerschaften wahrscheinlicher macht“.

Ans Eingemachte geht es später

Anna Rösle ist 34 – und hat sich erst vor kurzem zum Social Freezing entschlossen: „Woher soll ich wissen, wann – und ob überhaupt – mir der Richtige über den Weg läuft, mit dem ich dann ein Kind haben will“, erklärt die erfolgreiche Juristin. Ich möchte aber, wenn es soweit ist, nicht in Panik verfallen müssen. Sondern eine einigermaßen gute Chance haben, dass es noch funktioniert.“

Ursprünglich wurde das Konservieren von Eizellen für junge Krebspatientinnen entwickelt: Vor Chemotherapie und/oder Bestrahlung werden die Zellen bei exakt 196 Grad in flüssigem Stickstoff eingefroren, um sie vor möglichen Genschäden durch die folgenden Behandlungen zu schützen. Praktisch unbegrenzt haltbar können die Zellen jederzeit wieder aufgetaut, befruchtet und in die Gebärmutter eingesetzt werden.

Damit für die Entnahme ausreichend „Material“ zur Verfügung steht, müssen Frauen sich vorher über mehrere Tage follikelstimulierende Hormone spritzen. Auch Lorena Mühlhaus hat diese Prozedur hinter sich gebracht. Die 41-Jährige ist die wohl untypischste Patientin, die man sich für eine Eizellenbank vorstellen kann: „Ich habe drei Kinder, und bin seit zwanzig Jahren verheiratet. Aber um mir offenzuhalten, ob ich noch ein viertes Kind bekomme, habe ich mich zum Freezing entschlossen“. – Die Wirtschaftsprüferin hält nicht viel von moralischen Diskussionen über die „Unnatürlichkeit“ des Prozederes: „Auch ein Herzschrittmacher ist unnatürlich.“ Sie sieht in der Kritik, dass Frauen sich auch später für Kinder entscheiden, eine Anmaßung: „Keiner regt sich darüber auf, wenn Männer mit 60 oder sogar 70 noch Vater werden. Aber wenn Frauen Eizellen konservieren, um eventuell mit Mitte 40 noch Kinder bekommen zu können, dann ist das ein Skandal“.

Generation I-Zelle

Auch Dr. Horstkamp hält die Empörung darüber, dass Firmen wie Apple und Facebook ihren Mitarbeiterinnen das Freezing finanzieren, für überzogen: „Worüber nicht berichtet wird, ist, dass diese Firmen ebenso Schwangerschaften unterstützen – sowohl finanziell als auch in der sozialen Absicherung“. Somit bleibe die Entscheidung für die sogenannte Kryokonservierung weiterhin eine Privatangelegenheit. Und eine – in der Regel –auch privat abgerechnete Leistung: Je nach Anzahl der benötigten Eingriffe – mindestens 15 Eizellen müssen „gewonnen“ werden – kostet das strategische Schockfrosten des Genmaterials ab ca. 1800 Euro, zuzüglich 20 Euro monatlicher „Miete“ für die Kühlkammer. Eine Investition, meint Mühlhaus, die sich aber in Geld gar nicht aufrechnen lässt: „Diese Option macht glücklicher – weil schlicht unabhängig davon, wie das Leben so läuft. Sobald meine beiden Töchter zwanzig sind, werde ich ihnen das ebenfalls nahelegen – und gern auch bezahlen.“

Unter Umständen ist das Eizellen-Frosting in Zukunft ohnehin ein gängiger Weg der Familienplanung: In Umfragen hat sich gezeigt, dass Zwanzigjährige sich ein Freezing viel besser vorstellen können als die Generation der über Dreißigjährigen. Tatsächlich macht es Sinn, sich wenn, dann möglichst jung für die Eizellenentnahme zu entscheiden. Der Erfolg des Verfahrens hängt eben auch vom Alter ab – je früher die Zellen entnommen werden, desto höher sind später die Chancen auf eine erfolgreiche Befruchtung und Schwangerschaft…

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Über den Autor/die Autorin

Ulrike Hagen

"Life´s what you make it...“ – die Hamburgerin mit Leib und Seele freut sich täglich darüber, dass sie ihrer unbändigen Neugierde auf Menschen und Geschichten in ihrem Beruf nachgehen darf. Als Journalistin und freie Autorin kommt ihr zugute, dass sie unentwegt den bunten Fragen ihrer beiden Kinder ausgesetzt ist. Die schönsten Schwänke hebt sie sich für ihre Kurzgeschichten auf. Beziehungsstatus? Glücklich gebunden – und verliebt in das Leben (und den FC St.Pauli)...