Nobody’s Home: Diesseits der Einsamkeit

Zuvor hatte ich schon bei meiner Freundin erleben müssen, dass meine Trauer und mein Gefühl von Verlassenheit nicht erwünscht in ihrem jungen, lebendigen Universum gewesen waren. Auch sie hatte sich plötzlich einsam und verlassen gefühlt, als ich mich einsam und verlassen fühlte, weil mein Vater früh, viel zu früh von dieser Erde gegangen war. Wohl ein wenig anders einsam als ich mich. So viel anders jedenfalls, dass es mit uns nicht mehr funktionierte, wir einander nicht mehr verstanden. Einsamkeit plus Einsamkeit machte leider nicht Zweisamkeit.

Am Tag der Beisetzung meines Vaters hatte es geregnet. Ende Oktober war das gewesen. Wir hatten uns diesen Monat nicht ausgesucht. Mein Vater hatte nicht gebeten, zu gehen. Er wollte nicht gehen. Aber das war dem Herzinfarkt egal gewesen. Da lag er nun, im Sarg, versank in der Erde und alles veränderte sich für mich. Nur bekam es kaum jemand mit. Niemand verstand es. Meine Freundin nicht, meine Freunde nicht.

Meine Beziehung löste sich auf und ich wollte das nicht. Ich kämpfte, vergeblich, entkräftet. Ich suchte eine Beratungsstelle auf und man sprach mit mir über meine Trauer. Aber über meine Einsamkeit, obwohl sie die Wände im Beratungszimmer so blau einfärbte, dass es wirkte, als säßen wir mitten im Ozean, wurde nicht geredet. Oder doch. Das Wort fiel mehrmals. Einsamkeit. Aber mein Gegenüber bekam es nicht zu fassen.

Die Trauer ging, die Einsamkeit blieb. Dabei war ich nicht dauerhaft alleine. Dabei kannte ich relativ viele Menschen. Dabei mochten mich von diesen relativ vielen Menschen sogar relativ viele, worüber ich immer schon sehr dankbar gewesen war. Aber das alles hatte wenig mit dem Schmerz in mir zu tun.

Meine Hülle pflegte meine Freundschaften und Kontakte weiter, brachte es sogar fertig, neue hinzuzugewinnen. Ich fiel gar nicht auf. Diese Bläue in mir fiel nicht auf. Ich hatte das wohl damals schon gelernt, als ich fünfzehn, sechszehn war und meine Eltern um ein Haar an der Scheidung vorbeigeschrammt waren. Sie stürzten sich in ihre Arbeit und wohl auch Affären. Und ich schwänzte oft die Schule oder zog mich nachmittags in mein Zimmer im zweiten Stockwerk eines Reihenhauses unter der Dachschräge in einem spießigen Stadtrand-Stadtteil einer spießigen deutschen Großstadt zurück. Ich drehte den Schlüssel rum, drehte die Musik auf, lag auf dem Bett, bis es Nacht wurde.

Irgendwann fuhr ich mit einem Freund zum Baumarkt, kaufte Farbe und strich meine Zimmerwände schwarz. Meine Mutter war die Erste, die es bemerkte, eine Woche später. Ich bekam eine gewischt.


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