Mich gibt’s nicht alleine

Seit über acht Jahren sind Andrea und Gerd ein Paar. Anfang diesen Jahres verließ er seine Wohnung in den idyllischen Weinbergen und zog zu ihr nach Frankfurt. Wer hätte gedacht, dass sich aus dem Drängen der Kinder, Online-Partnersuche auszuprobieren, eine feste Beziehung entwickeln würde?

Zwei junggebliebene 63-Jährige probierten nach gescheiterten Beziehungen erneut ihr Glück. Im Internet. Und fanden die ganz große Liebe. Was sie aus der Vergangenheit gelernt haben, wie sie die gemeinsame Gegenwart gestalten und was sie sich für die Zukunft wünschen, haben uns Andrea und Gerd im Interview verraten.

Wir haben gehört, dass Sie sich damals auf noch etwas ungewöhnliche Art und Weise – und vor allem nicht ganz freiwillig – kennengelernt haben. Was genau ist passiert?

“Ich habe von meinen Kindern zum Geburtstag eine Parship-Mitgliedschaft geschenkt bekommen”, sprudelt es aus Andrea heraus. “Eigentlich wollte ich das überhaupt nicht. Doch meine Tochter ließ nicht locker und gab mir einen Schubs.

Er war sehr hartnäckig

Anfangs dachte ich mir: Was will der? Doch ich traf mich schließlich mit Gerd am wunderschönen Frankfurter Opernplatz – was ich praktisch mit Erledigungen kombinieren konnte. Unser Treffen und ihn habe ich als harmlos nett eingestuft. Aber er ließ nicht locker. Beim vierten Treffen holte er mich von zuhause ab, meine Tochter öffnete ihm die Tür und durfte ihn begutachten. Später schrieb sie mir eine SMS: Was ein cooler Typ!”

Heiße Nummer!

Gerd schildert das Kennenlernen so: “Ich bin erstaunt, dass ich die ersten Akzente gesetzt haben soll. Eigentlich fand ich sie hartnäckig, nicht umgekehrt. Mein Ziel war, online mein Glück zu finden. Nach der Foto-Freischaltung dachte ich mir: Was für eine heiße Nummer! Ist sie auch auf meiner Wellenlänge? Ich kam zu dem Schluss, dass ich es versuchen will.

Dass man bei dieser Frau und ihrer Familie viel Ausdauer haben muss, war mir damals natürlich noch nicht bewusst. Ich habe nur einen Sohn, Andrea hingegen hat drei Kinder, zu denen sie ein außergewöhnlich enges Verhältnis hat, und pflegte damals ihre Eltern. Ich hatte also nicht nur eine Frau gefunden, sondern obendrauf eine ganze Familie. Aber gerade wenn eine Beziehung frisch ist, engagiert sich man zu 100%. Es war zwar eine ganz schön große Hausnummer, aber ich habe sehr viel empfunden und sie unterstützt. Mein Sohn hat sich auch sehr gefreut, dass Papa wieder unter der Haube ist.”

Sie hatten also nicht nur eine tolle Frau kennengelernt, sondern auch gleich sehr enge Familienbande zu knüpfen?

“Mich gibt es nicht alleine”, sagt Andrea. “Gerd hatte es nicht einfach. Ich habe ihn gleich bei meinem Umzug eingespannt, danach folgte der Umzug meiner Tochter und der meines Sohnes.”

“Ich wollte schon ein Umzugsunternehmen aufmachen! Mittlerweile habe ich für sie neun Umzüge gestemmt”, grinst Gerd.

“Mein Vater hatte beginnendes Alzheimer, meiner Mutter ging es schlecht. Ich habe sie ein halbes Jahr in ihrem Haus gepflegt, bin einige Monate bei ihnen eingezogen. Anschließend lebten sie über vier Jahre im betreuten Wohnheim, wo ich sie täglich besuchte. Gerd war immer dabei und hat das akzeptiert. Und er wurde akzeptiert: Meine Kinder lieben ihn heiß und innig. Es passt einfach.”

Nun wohnen Sie unter einem Dach. Hat sich dadurch etwas verändert? Und wer von Ihnen hat eigentlich seine vier Wände für den anderen aufgegeben?

“Heute ist es immer der Mann, der alles für die Frau aufgibt. Früher war das anders”, bemerkt Gerd auf seine eigene, ironische Art. “Spaß beiseite. Ich hatte eine sehr schöne Wohnung mit Terrasse und Garten, in einem kleinen Ort. Erst neulich bin ich dienstlich in meinem ehemaligen Heimatort gewesen. Doch ich spüre kein Bedauern, dass ich dort nicht mehr lebe. Ich habe das Zusammenziehen überhaupt nicht bereut. Andrea nun um mich zu haben, ist das Schönste.

Ein Ritual ging aber verloren: Früher hatte ich jeden Donnerstag für mich allein. Absolute Stille bei einem Glas Wein auf der Terrasse, ein bißchen nachdenken. Das kann ich jetzt nicht mehr so leicht, dieser Tag fehlt mir noch. Das ist kein Vorwurf an meine Partnerin, das muss ich für mich machen.”

Wie ist es Ihnen gelungen, dass kein grauer Alltag in all den Jahren Einzug gehalten hat?

Andrea erklärt: “Irgendwann tritt Alltag ein – das wäre ja sonst unnormal. Und so ein Rhythmus hat auch sein Gutes, man kann sich darüber freuen. Wir sind ausgesprochen harmonisch.

Dennoch muss man sich immer wieder aufs Neue gegenseitig motivieren. Wir unternehmen jedes Wochenende etwas, sind viel draußen, gehen Frühstücken, spazieren, Fahrrad fahren… Durch meine Scheidung habe ich 80% meines Freundeskreises verloren. Mein Bekanntenkreis ist eher begrenzt, besteht vor allem aus alleinstehenden Frauen. Gerd trägt das mit Humor. Aber offen gestanden fehlen uns manchmal befreundete Paare, um mal zusammen ins Theater zu gehen. Daran arbeiten wir, da ist noch was zu tun.”

In Partnerschaften entwickelt man sich zusammen weiter. Was haben Sie voneinander gelernt?

“Ich bin bodenständiger geworden”, erläutert Andrea. “Mir sind heute andere Dinge wichtig, simple Sachen wie Fahrrad fahren und einfach irgendwo nett einkehren. Vorher war ich mit einem Banker verheiratet, das war ein ganz anderes Leben.”

“Alles, was sie eigentlich nicht mochte, liebe ich: Weinberge im Rheingebiet erkunden, in ein kleines Lokal einkehren … Wir haben das gemeinsam entdeckt. Heute stößt Andrea sogar öfter Ausflüge an als ich!”, ergänzt Gerd.

Hand aufs Herz, welche Macken treiben Sie zur Weißglut?

“Wie viel Zeit habe ich?”, lacht Gerd. “Ständig sucht sie etwas und fragt, wo ihre Brille, ihre Uhr oder etwas anderes sei. Ich bin der Leidtragende des ganzen Dramas. Verabredungen und Termine trage ich mittlerweile eine halbe Stunde früher im Kalender ein, denn Andrea kommt sonst mehr als das akademische Viertel zu spät. Außerdem ist sie sehr modebewusst: Bevor wir loskönnen, muss ich zu drei Blusen, fünf Hosen und sieben Blazern mein OK geben.

“Ja, ich weiß. Aber deine Meinung ist mir eben wichtig!”, gibt Andrea kleinlaut zu. Doch sie stört auch etwas: “Wenn etwas im Haushalt anfällt, mache ich To-Do-Listen. Bis Gerd die Aufgaben erledigt hat, dauert es ewig! Das nervt mich. Es liegt wahrscheinlich daran, dass ich ein Power-Mensch bin, total unruhig, bei Filmen fällt es mir schon schwer, mal 90 Minuten still sitzen zu bleiben. Bei mir wird also alles schnell erledigt. Und so etwas wie einen heiligen Sonntag gibt’s bei mir nicht. Man kann alles sofort machen.”

Wo sehen Sie sich in 20 Jahren? Was möchten Sie bis dahin erlebt haben?

“Wir wünsche uns, gesund zu bleiben und dieses Alter zu erreichen. Aber das klappt bestimmt, Andrea unterstützt mich bei allen Weh-Wehchen”, so Gerd. “Ich muss noch zwei Jahre arbeiten. (Wobei, wenn es nach ihr geht, muss ich noch fünf Jahre ran oder mir einen Nebenjob suchen, wenn ich in Rente bin, sonst erträgt sie mich nicht zuhause.)

Wir lieben es, zu reisen.

Besonders gerne sind wir am Timmendorfer Strand, dort haben wir zu Inhaber und Personal eines kleinen Hotels ein gutes Verhältnis aufgebaut und sind mehrmals im Jahr dort. Andrea verbrachte ihre Kindheit dort und auch ich bin teils am Meer aufgewachsen. Außerdem waren wir schon etwa 5x auf Mallorca in einem freundlich-familiären Hotel, stilvoll mit Niveau. Oberkellner und Rezeptionisten erkennen uns wieder, drücken uns, es ist ein herziges Wiedersehen. Und Städtereisen, 1x im Jahr auch mit den Kindern. Wir waren schon in Prag, Wien, Stockholm, Kopenhagen, Budapest …

Gemeinsam wollen wir den Rest unseres Lebens die Welt besser kennenlernen und viel mit der Familie unternehmen.”


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