Hoffnung in der Hoffnungslosigkeit

Wie man es auch dreht und wendet, die Menschheit macht einen Fehler nach dem anderen. Es brennen die Wälder, die Meere vermüllen und die nächste Pandemie steckt bestimmt schon in den Startlöchern… Wie bleibt man dabei psychisch gesund und kann einander in einer Beziehung stützen?

Es ist kein typischer Beziehungsfrust, der dieses Paar in meine Praxis geführt hat. Nicht ein Partner hat in der Wahrnehmung des anderen einen Fehler gemacht oder sich zu wenig gekümmert. Es gab auch keine heimliche Außenbeziehung, kein Fremdverlieben und keinen Streit über die Aufgabenteilung im Haushalt. Es geht vielmehr um nichts weniger als den Zustand der Welt. Nicht um das Kleine im Privaten, sondern um das große Ganze.

„Ich kann mich morgens entscheiden, ob ich gut informiert sein möchte – oder ob ich mich verrückt machen lasse“, beschreibt sie die Situation. „Mein Mann liest schon vor dem Frühstück auf dem Tablet die Nachrichten und danach ist der Tag gelaufen. Seine Laune ist im Keller, er ist antriebslos, nur noch negativ und ich vermisse es so sehr, ihn auch wieder einmal Lachen zu hören.“

Er sagt: „Es gibt einfach keinen Grund zum Lachen. Wir stehen am Abgrund, wenn wir nicht bereits längst heruntergefallen sind. Wir sind nur noch nicht aufgeschlagen. Ich kann nichts essen, was nicht mit Gift behandelt oder zu Tode gequält wurde. In der U-Bahn quatschen mich Covidioten an, die Pandemie sei nur eine Verschwörung, in der Tundra tauen giftige Gasblasen auf und geraten in die Atmosphäre und die ganze Welt lässt sich von Populisten am Nasenring durch die Manege ziehen. Die Weltwirtschaft liegt am Boden. Reisefreiheit gibt es nicht mehr. Früher habe ich Endzeit-Science-Fiction-Filme gerne gesehen. Heute lebe ich in einem. Dagegen hilft auch eine Umarmung nichts.“

Pessimisten küsst niemand gerne

„Du ziehst mich damit runter“, klagt sie.

„Und ich verstehe nicht, wie du nicht genauso verzweifelt sein kannst wie ich“, sagt er.

Nächtelang haben die beiden bereits diskutiert und Argumente ausgetauscht. Beide sind müde und verletzt. Sie haben den Eindruck, ihre früher stabile Verbindung ist unsicher geworden, wenn nicht sogar unterbrochen.

Ebenso wie man sich anstecken lassen kann von der Freude seines Partners, so kann dessen Niedergeschlagenheit ebenfalls überspringen. Eine wichtige Frage für die Beziehungszufriedenheit ist: Was erwarten die Partner in solchen Momenten voneinander? Auf den ersten Blick wirkt es ganz einfach: Gute Laune und Optimismus sind attraktiv und sozial erwünscht, deshalb möge sich doch bitte der Niedergeschlagene vom Zuversichtlichen mitreißen lassen.

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