Eine wunderschöne Hölle

Welches Mädchen träumt nicht vom Familienhaus in der Vorstadt? Unsere anonyme beziehungsweise-Leserin ist froh, den Albtraum verlassen zu haben

Es fällt mir schwer über die letzten Jahre zu reden. Denn an sich war es doch das Traumwunderland. Das, was sich alle Mädchen mit 14 erhoffen: Eine Beziehung mit einem tollen Mann, genau drei bis vier Jahre älter als man selbst. Wundervolle Familie mit Reihenhaus im Vorstadt Bezirk. Das Erbe schon vor Augen.

„Schatz, siehst du dieses Grundstück? Dort wird unser Haus stehen. Die Kinder werden im Garten um den Pool toben und du hast sie aus der Küche mit dem wundervollen Panoramafenster stets im Blick!“

Er drückte mir ein Glas Sekt in die Hand und zog mich mit der anderen in die Mitte des noch leer stehenden Gartens. Umarmte mich von hinten und hauchte mir ins Ohr: „Du bist mein Gesamtpaket! Du bist die Mutter meiner Kinder!“

Schweigen, Herzrasen, Blässe stieg in mein Gesicht, Panik.

Ich kippte den Sekt auf Ex.

Vorstadt-Idylle mit Panoramafenster

Nach 4 Jahren Beziehung, in denen ich, die Vollverdienerin, die Haushaltshilfe, die Liebesdienerin, die Familienpsychologin und die Organisatorin des alltäglichen Lebens war, wusste ich in diesem Märchenszenario genau eins: Ich muss hier raus!

In diesen Jahren sind wir als Paar durch einige Höhen, die wundervoll federleicht waren und Tiefen, die in ihrer höllischen Schwere tiefe Wunden und dicke Narben in meine Seele gebrannt haben, gegangen.

Neben Karriere und den normalen alltäglichen Herausforderungen, als sehr emotionaler Mensch, hatte ich immer eine Struktur in meinem Leben: Sein Leben. Sein Studium. Seine Ziele. Seine Familie und seine Anforderungen.

Ja, ich hab mich als starke und unabhängige Frau in dieser Beziehung verloren. Ich führte zwei Leben: Job und Beziehung. Und als das eine besser lief als das andere, durfte ich mir von meinem „Liebsten“ nach 12 Stunden-Schichten und noch zwei Stunden Pendeln anhören: „Kannst du bitte mal mehr aus dir machen?“

„Du bist ganz schön dick geworden!“

„Mir fehlt deine Weiblichkeit!“

Im letzten Punkt hat er so vollkommen Recht.

Mir wurde bewusst, dass ich mich als Frau neu entdecken, mehr aus mir machen muss und frei sein will. Frei lieben, frei handeln, frei lachen, frei kommunizieren, frei fühlen.

Ich hätte das alles nicht machen müssen

Und ja, dafür kann er nicht mal was, er hat mich nie darum gebeten, diese ganzen Aufträge anzunehmen. Ich hab es einfach gemacht, weil ich gern viel gebe, gerne Freude und Dankbarkeit in den Augen der Menschen sehe, die mir nah und wichtig sind. Einfach, weil ich ihre Bedürfnisse sehe und schätze!

Aber ja, ich nehme auch unglaublich gern viel. Viel ehrliche Zuneigung. Viel ehrlichen Austausch übers Leben, guten Wein, liebevolle Umarmungen, Nähe, Sex, gutes Essen, Freiheit – Freiraum zum Entfalten. Ich bin eine Person, die nicht einschichtig ist.

Ich liebe die Geborgenheit des klassischen Lebens. Aber ebenso die Freiheit und Spontanität mein Leben zu führen, wie ich es will und Wege immer neu wahrnehmen und erkunden zu können. Ja, frei leben mit der Sicherheit und Halt im Rücken. Unabhängig, verletzlich, stark , schwach: Frau sein.

Er war ein toller Mann.

Aber nicht für mich. Für mich war es die wunderschöne Hölle auf Erden.

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